Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Ein Gespräch mit Friedwaldförsterin Dr. Martina von Ow-Wachendorf, Tübingen

Rittberger-Klas: Der Feiertag Allerheiligen und der Ewigkeitssonntag Ende November sind für viele Menschen Anlass für einen Besuch auf dem Friedhof. Sie kümmern sich um die Gräber ihrer Angehörigen, bringen Blumen und Kerzen, manchmal auch ganz individuellen Schmuck: Fotos oder Basteleien von Kindern. Jeder Mensch trauert auf unterschiedliche Weise – für viele aber ist es wichtig, einen Trauerort zu haben, den man auf diese Weise gestalten kann.
Wer sich für ein Baumgrab entscheidet, verzichtet auf diese Möglichkeit. Baumbestattungen in dafür ausgewiesenen Wäldern oder im naturbelassenen Teil eines Friedhofs werden dennoch beliebter. Ich spreche heute mit Dr. Martina von Ow-Wachendorf. Sie ist Försterin im Friedwald Schönbuch bei Tübingen. Frau von Ow-Wachendorf, wie sieht so ein Baumgrab bei Ihnen im Wald aus?

von Ow-Wachendorf: Also ganz praktisch gesehen, ein Baumgrab, also die Grabanlage selber, ist etwa 2-3 Meter vom Baumstamm entfernt– wir können das Grab nicht näher am Baum anlegen wegen der Wurzeln. Vor der Beerdigung wird das Grab von uns Förstern geschmückt, meist mit Tannenreisig und was es gerade in der Natur zu der entsprechenden Jahreszeit gibt, und wir stecken ein kleines Holzkreuz und eine Schaufel für den Nachwurf. Nach der Beerdigung wird das Grab von uns verschlossen und wir versuchen eigentlich, die Grabstelle wieder so herzurichten, wie der Waldboden ursprünglich war. Ich streue also auch wieder Laub drüber, dass man die Grabstelle eigentlich gar nicht sieht. Und das, was an die Verstorbenen erinnert, das ist dann meistens die Namenstafel am Baum. Die Bäume sind speziell markiert, die haben eine Baumnummer, so dass man die auch wiederfinden kann, und wenn man das möchte, kann man eben eine Namenstafel anbringen.

Rittberger-Klas: Die Namenstafel erinnert an die Verstorbenen – Schmuck wird nicht niedergelegt.

von Ow-Wachendorf: Nein, wir sagen, die Grabpflege übernimmt bei uns die Natur. Und es ist ganz wichtig bei diesem Konzept, dass wir sagen, wir möchten eigentlich nicht, dass Leute etwas mitbringen und am Grab ablegen, sondern wir sagen, die Natur bietet so viele Möglichkeiten und Schönheiten, und wenn man ein bisschen die Augen aufmacht, entdeckt man auch um das Grab so viele schöne Sachen, sei es Blümchen oder jetzt im Herbst Pilze, die aus dem Boden sprießen – und das bietet eigentlich genug Schmuck für das Grab.

Rittberger-Klas: Merkt man bei Ihnen im Wald trotzdem etwas von den christlichen Feiertagen im November, wenn viele Menschen besonders an ihre Verstorbene denken?

von Ow-Wachendorf: Man merkt es schon, es kommen gerade zu diesen Feiertagen mehr Leute in den Wald, gehen dort spazieren und besuchen sozusagen dann das Baumgrab oder den Baum und setzen sich in der Nähe hin und lesen was oder besinnen sich und gedenken der Verstorbenen. Aber wie gesagt, dass man jetzt Lichter anzündet, wie üblicherweise an Allerheiligen an den Gräber – das gibt es bei uns nicht, und wir müssen es sogar, wenn manchmal eine Blume oder so etwas mitgebracht wird, entfernen.

Rittberger-Klas: Ich stelle mir vor, dass es gerade für ältere Angehörige oft nicht leicht ist, so einen Baum mitten im Wald überhaupt zu erreichen – schon gerade im Spätherbst, wenn das Wetter schlecht ist. Wenn aber die Gräber seltener besucht werden, geht da nicht auch ein Stück Trauerkultur verloren, wie ist ihr Eindruck?

von Ow-Wachendorf: Naja, man muss ehrlich sagen: So eine Friedwaldbestattung ist nicht für jeden das Richtige. Es ist ja nur eine Alternative zu den üblichen Bestattungen auf dem Friedhof. Es ist schon klar, dass es schwerer zu erreichen ist, es ist auch nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, so ein Waldgebiet, aber ich habe nicht den Eindruck, dass die Gräber deswegen weniger besucht werden, sondern zum Beispiel gerade im Hinblick auf junge Familien mit Kindern, da habe ich den Eindruck, die gehen viel öfter mal das Grab besuchen, weil sie das eben mit einem Spaziergang verbinden können mit den Kindern.

Rittberger-Klas: Zu Ihren Aufgaben als Friedwaldförsterin gehört es auch, bei Trauerfeiern dabei zu sein. Was ist dabei Ihre Aufgabe genau und wie empfinden Sie diese Feiern?

von Ow-Wachendorf: Ich begleitet die Trauerfamilien zum Baum. Am Anfang, am vereinbarten Treffpunkt, bespricht man kurz den Ablauf der Trauerfeier oder des Begräbnisses und ich begleite die Familien zum Baum. Ich trage auch die Urne, wenn es die Angehörigen nicht selber machen wollen, und ich biete auch an, dass ich die Urne dann am Grab versenke, halte mich sonst aber insgesamt zurück. Und am Schluss verschließe ich das Grab und bezeuge sozusagen, dass die Urne ordnungsgemäß beigesetzt ist.

Rittberger-Klas: Wenn man wie sie so häufig bei Beisetzungen oder Trauerfeiern ist, kann man den Gedanken an die eigene Endlichkeit nicht leicht so leicht verdrängen. Was geht Ihnen da selbst durch den Kopf? Spielt der christliche Glaube für Sie eine Rolle?

von Ow-Wachendorf: Ja, das spielt schon eine große Rolle für mich. Klar wird die eigene Endlichkeit einem stärker bewusst, vor allem, wenn man Beerdigungen hat mit Menschen, die dasselbe Alter haben wie man selbst, oder wenn Kinder früh sterben. Das geht einem dann persönlich auch sehr nahe. Und ich denke mir auch: Ich muss das alles frühzeitig regeln – weil es ist oft der Fall, dass die Angehörigen dann gar nicht wissen: Wie möchte der Verstorbene jetzt eigentlich beigesetzt werden.

Rittberger-Klas: Den Tod nicht aus dem Leben verdrängen, sondern sich damit auseinandersetzen… Und Sie sagten, der christliche Glaube spielt da für Sie eine Rolle – inwiefern, können Sie das beschreiben?

von Ow-Wachendorf: Ja, durch meine eigene Erfahrung – ich habe schon sehr früh zwei Geschwister von mir verloren und auch meinen Vater vor ein paar Jahren, und da habe ich gemerkt, dass mir der Glaube schon einen Halt gibt. Und ich merke das auch bei den Beisetzungen, dass es, wenn die Leute gläubig sind, dann einfach einen gewissen Halt gibt.

Rittberger-Klas: Als Försterin hat man sicher einen besonderen Bezug zur Natur. Hat der Wald für sie auch eine „emotionale“ Bedeutung? Oder sagen Sie vielleicht im Gegenteil: Durch mein Studium und meine Ausbildung sehe ich manches nüchterner als die meisten anderen…

von Ow-Wachendorf: Man muss natürlich schon umdenken als Förster. Das, was man so gelernt hat, so wie man üblicherweise die Forstwirtschaft betreibt, dass man schöne Baumstämme erzeugen will, da muss man im Friedwald ganz umdenken, weil da gerade Bäume als Bestattungsbäume gefragt sind, die sehr knorrig sind oder krumm. Da wird dann gedacht, das ist wie das eigenen Leben, wie der Baum jetzt so schief wächst oder nicht gerade wächst. Und ich kann das nachempfinden. Ich merke auch, wenn ich in den Wald komme, da geht mir das Herz auf. Bestimmte Situationen, wenn ein Sonnenstrahl in einem bestimmten Winkel da reinstrahlt, auf die Blätter. Und es ist jede Woche, wenn ich komme, anders. Auch wenn man jeden Baum eigentlich schon kennt: Es sieht jede Woche anders aus – es verändert sich sehr viel.

Rittberger-Klas: Die christlichen Kirchen waren anfangs sehr skeptisch den Friedwäldern gegenüber, man hat vermutet, dass da naturreligiöse Vorstellungen eine Rolle spielen, vom Wachsen und Vergehen, die ja nicht unbedingt kompatibel sind mit den christlichen Vorstellungen. Erleben Sie das auch bei Menschen, die zu Ihnen kommen?

von Ow-Wachendorf: Ich habe eigentlich in den fünf Jahren, in denen ich das mache, noch keine Beisetzung erlebt, wo ich gedacht habe, das ist jetzt „naturreligiös“. Natürlich ist es schon auch ein Beweggrund, dass man sagt, man geht wieder zur Natur zurück, aber das ist ja kein Widerspruch zu den christlichen Vorstellungen, denn man sagt ja auch selber „Asche zu Asche, Staub zum Staube…“

Rittberger-Klas: „…Erde zu Erde“.

von Ow-Wachendorf: Ja, Erde zu Erde! Von daher, denke ich, ist das schon auch im Einklang…

Rittberger-Klas: Ein Platz auf einem Friedhof mit Blumen und Kerzen oder eine Grabstelle an einem großen Baum im Wald oder in der Natur – was stellen Sie sich für sich selbst vor?

von Ow-Wachendorf: Ja, da habe ich mir natürlich schon meine Gedanken gemacht und ich habe es auch meiner Familie schon mitgeteilt, dass ich, falls ich jetzt unvermittelt sterben würde und nichts schriftlich hinterlassen hätte, dann würde ich schon gerne im Friedwald bestattet werden. Und ich habe mir auch schon eine Baumart ausgesucht, ich hätte eine Kirsche, weil die so schön blühen im Frühjahr.

Rittberger-Klas: Und die gibt es auch bei Ihnen im Wald?

von Ow-Wachendorf: Ja, die gibt es auch im Wald, das sind Wildkirschen…

Rittberger-Klas: Der christliche Glaube erzählt in vielen Bildern vom Leben nach dem Tod als einer friedlichen Gemeinschaft mit Gott und allen Menschen. Gibt es für Sie Bilder oder Texte, die beim Gedanken an den Tod besonders tröstlich sind?

von Ow-Wachendorf: Ja, oft ist es mir bei Beisetzungen wieder bewusst geworden, zum Beispiel der Psalm 23, der Herr ist mein Hirte –mit diesen grünen Auen, und er tränkt mich, behütet mich, gibt mir Geborgenheit – das kann ich nachempfinden oder empfinde ich genauso. Und das andere ist ein Lied von Paul Gerhard – ein fröhliches Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud. Und das ist genau das, was mein Empfinden auch im Friedwald und mit der Natur ist – und dem christlichen Glauben.

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=23078