Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

"Zu Christi Himmelfahrt" - ein Gespräch zwischen Rundfunkpfarrer Wolf-Dieter Steinmann und Kay Johannsen, Kantor an der Stiftskirche und Leiter der Stiftsmusik Stuttgart.

Steinmann: Herr Johannsen, Sie sind Kantor an der Stiftskirche in Stuttgart, der Evangelischen Hauptkirche in Stuttgart. Leiter der Stiftsmusik Stuttgart, renommierter Organist. Sie werden weltweit eingeladen, auf den wichtigsten Orgeln zu musizieren. Welche Musik verbinden Sie mit dem heutigen Feiertag Christi Himmelfahrt? Gibt es eine, die Sie heute selber musizieren?

Johannsen: Wir müssen ja feststellen, dass Himmelfahrt nicht ein solcher Feiertag ist wie Ostern oder Weihnachten. Trotzdem, es ist ja wichtig, Ostern ohne Himmelfahrt geht nicht. Und es gibt natürlich auch Musik für Himmelfahrt. Für mich ist Bach zur Zeit ja ein wichtiges Thema und ich denke automatisch an das Himmelfahrtsoratorium. Das liegt auch daran, dass es eines der ersten großen Stücke von Bach war, das ich überhaupt aufgeführt habe. Da war ich gerade so 20 Jahre alt und habe als Student meine ersten Schritte gemacht..

Steinmann: Man kann ja auch Himmelfahrten erleben, bei der Aufführung von Musik. Im Sinne eines inneren Erlebnisses. Himmelfahrt kann man ja auch verstehen als: Jesus geht in eine neue Aura, er geht zu Gott. Ich glaube, dass wir erfahrungsmäßig vielleicht so etwas auch einholen können. Verbinden Sie so etwas mit Himmelfahrtsmusik?

Johannsen: Wenn ich es zuerst mal ganz sachlich sehe, dann ist ja Himmelfahrt nach dem biblischen Bericht einfach diese Auffahrt Jesu. In meiner Heimat, dem Alemannischen hat man ja auch „Uffahrt“ gsagt. Dieses Bild, „wir blicken nach oben“, das kommt im Bachschen Werk ziemlich häufig vor. Im Himmelfahrtsoratorium ganz ausgeprägt in einer Arie für Sopran und Instrumente, in denen der Bass eben nicht beteiligt ist. Bach hat sehr oft versucht, die Schwere aus der Musik herauszunehmen, wenn er diesen Blick kompositorisch umgesetzt hat. Grade durch die Spannung vom Irdischen zum Himmlischen kann ja auch mit einem selber etwas passieren. Also durch die Auflösung dieser Spannung.

Steinmann: Insofern hat Himmelfahrt auch etwas mit der Verheißung von Frieden zu tun, glaube ich. Das ist ja so etwas Typisches, was der Auferstandene seinen Jüngerinnen und Jüngern, wenn er ihnen begegnet nach Ostern als erstes zuspricht.

Was verbinden Sie theologisch mit Himmelfahrt?

Johannsen: Es gibt im Mittelteil dieser Arie, von der ich schon sprach, die Formulierung: „Deine Liebe bleibt zurück.“ Die finde ich ziemlich gut, weil das ist für mich das Wesentliche, auch der Grund dafür, dass Frieden entstehen kann, dass Liebe herrscht. Also die Liebe von Gott zu den Menschen, aber dadurch auch die Möglichkeit, dass Menschen untereinander sich lieben.

Musik 1 “ Aria: Jesu Deine Gnade bleibet“ track 19 aus         
CD J.S. Bach; Osteroratorium, Himmelfahrtsoratorium   
        

Bei Bach ist ganz oft festzustellen, dass er vertonen möchte wie die Botschaft Jesu sich in den Menschen niedersenkt. Also ganz in ihr Herz dringt. Es geht immer über die Emotion. Ich glaube, das ist auch dieses Bild „Himmelfahrt“ für mich, dass Jesus zwar weg ist, aber das Eigentliche bleibt zurück.

Steinmann: Im Sinne von „bleibt hier auf der Erde, präsent sein, erfahrbar sein“.

‘Bach’. Sie sind über 10 Jahre mit einem großen Projekt hier in Stuttgart beschäftigt, das sich nennt „Bach vokal“. 2011 hat es begonnen, bis 2021 ist es geplant. Sagen Sie kurz, was dieses Projekt umfasst.

Johannsen: Wir führen tatsächlich im Rahmen dieses Zyklus alle Vokalwerke von Bach auf. Ich sag Vokalwerke, weil das nicht nur die geistlichen Kantaten sind, das sind ja etwa 200 und das wäre schon eine ganze Menge Arbeit. Es gibt auch etwa 30 weltliche Kantaten, die Oratorien, es gibt die Motetten, es gibt aber auch noch einzel stehende Arien und Lieder und es gibt sehr sehr viele einzelne Choräle. Und wir versuchen tatsächlich das gesamte Vokalwerk aufzuführen. In verschiedener Art: Den Hauptteil kann ich aufführen mit meinen beiden Ensembles „Stimmkunst“ und „Stiftsbarock“. Das ist sehr professionell. Dann gibt es die Stuttgarter Kantorei. Und mit der Stuttgarter Kantorei machen wir auch 1 oder 2 Konzerte im Jahr. Und dann gibt es auch noch die Basisversion. Also zweimal im Jahr kann bei mir jeder mitsingen, der möchte und jeder mitspielen im Streichorchester, der denkt, dass er das hinkriegt. Und dann proben wir ein Wochenende lang und das sind dann 200 Menschen, die mit mir zusammen eine Kantate musizieren 

Steinmann: Sie sind jetzt gewissermaßen bei der "Halbzeit". Wenn Sie einmal vergleichen, mit welchen Ideen Sie in das Projekt hineingegangen sind und was jetzt in diesen 5 Jahren schon draus geworden ist. Hat es sie möglicherweise auch verändert?

Johannsen: Ja also, mit jeder Aufführung passiert mit mir etwas. Bei Bach ist es ja so, dass ich schon vorher sehr viel Bach aufgeführt habe, aber jetzt ist es ja so, jedes lerne ich und studiere ich mit meinen Musikern ein etwa 20 Kantaten, mindestens 20. Und das ist schon noch mal eine ganz andere Intensität von Beschäftigung. Ich mein, ich dachte, dass ich vorher auch schon die Sprache Bachs lesen konnte, aber das hat sich schon noch mal verändert und ich glaube, inzwischen ist es so, dass ich die Momente der Innigkeit, die in Bachs Musik sind, noch mehr betone, als ich das vorher gemacht habe.

Steinmann: Heißt das, dass er eher klanglich kammermusikalischer bei Ihnen wird oder wie können Sie das auf einen Begriff, auf ein Wort bringen?

Johannsen Also es ist ja so, dass in den Partituren kaum Dynamik steht. Also wenn die Streicher wissen sollen, dass der Solist dran kommt, dann schreibt Bach einfach ein „piano“ rein, aber ist eigentlich nur ein organisatorischer Hinweis, das ist noch keine Dynamik. Es gibt schon Momente, wo er dann ausdrücklich „pianissimo“ schreibt, dann kann man davon ausgehen, dass er an der Stelle wirklich ein „pianissimo“ meint. Aber insgesamt ist es zB. so, dass bei den Chorälen: Ich kann sie kaum mehr in einem zügigen „forte“ durchmusizieren um zu sagen ‚Ja, die Gemeinde bestätigt hiermit ihren Glauben, also der Chor stellvertretend für die Gemeinde.‘ Das gehört zu diesem Moment der Innigkeit, dass ich mehr und mehr darin entdecke: Oft sind die Texte so gewählt, dass sie zwar mit einem Lobpreis oder einem Halleluja enden, aber es gibt immer auch dieses Moment: ‚ja, der Glaube ist bei mir selbst angekommen.‘ Und ich lese das aus diesen Chorälen heraus, dass es wertvoller ist, diese Musik mit einer Innerlichkeit und einer gewissen Feinheit auch zu musizieren und die Harmonie so von innen heraus leuchten zu lassen.

Steinmann: Ist das auch eine Erfahrung, die Sie bei Ihren Ensembles machen? Das ist ja oft die Frage. Bach ist ja auch immerhin schon 250 Jahr tot. Was ist sein Erbe, was heute noch für Menschen erfahrbar ist, die möglicherweise den christlichen Glauben nicht unbedingt teilen, ihm vielleicht mit Abstand gegenüber stehen und trotzdem gern musizieren und seine Musik mögen?

Johannsen: Also wir haben bei den Kantaten speziell ein wirkliches Problem. Der Text, die barocken Dichtungen, das ist wirklich Sprache, die 250 Jahre alt ist. Da gibt es ja Vokabeln, die wir gar nicht mehr verstehen. Und da gibt es manchmal auch eine verschraubte Theologie, die mit einer Sprache, die wir heute verwenden würden, ganz wenig zu tun hat. ZB ist es ja so, dass ‚Tod‘ in der Regel als Pforte zum Glück und zur Erlösung gesehen wird, weil ich ja dann im „Himmel in Jesu Armen liege“. Das ist ein Begriff, der sehr häufig vorkommt und das hat oft geradezu erotische Ausprägungen. Natürlich ist diese Frage: ‚Wie gehe ich mit dem Tod um?‘ eine ganz wichtige und für die Theologie wird sie immer ganz wichtig bleiben. Aber man spürt natürlich schon, dass für den Menschen, der in der Barockzeit gelebt hat, das immer noch ein sehr viel virulenteres Problem war als es heute ist. Es wurde ständig um einen herum gestorben. Wir versuchen mit einem längeren Leben klar zu kommen und Sinn darin zu entdecken. Deshalb sind die Texte uns ferner. Diese Texte kommen zwar auch in den Passionen und Weihnachtsoratorium so vor, dass wir sie kaum nachvollziehen können. Aber bei diesen Werken ist die Musik so stark und uns so bekannt, dass wir das Gesamtpaket einfach mitnehmen. Jetzt aber noch mal zu der Frage: ‚Kann auch für den Glauben etwas passieren?‘ Das kann ich ja eigentlich nur für mich sagen, weil ich das nie über jemand anderes sagen würde und mir wäre es auch bei meinen Musikern im Grunde egal mit welcher Haltung sie das machen. Es könnte ja sein, dass ganz am Ende ihres Lebens, einen Tag vor ihrem Tod, sie dann merken, dass das etwas mit ihnen gemacht hat. Dann wäre es - nach meinem christlichen Verständnis- immer noch früh genug. Für mich selber ist es vor allem so, dass die Musik meinen Glauben erweitert und kräftigt, also wie so eine Pflanze, die ab und zu Wasser braucht, damit sie überhaupt weiterlebt und für mich ist es ganz besonders die Musik und darin vor allem der Klang. Weil der Klang an sich ein Wunder ist. Der Klang ist ja nicht von Menschen gemacht, sondern der ist von Gott gemacht und ich erlebe quasi in jedem Konzert dieses Wunder, dass Klang sich realisiert und ich ihn irgendwie nur aufschließe. Also, wir produzieren das nicht, sondern wir lassen das nur zu. Und ich finde eben, Bach kann es besonders gut.

Steinmann: Also im Klang öffnet sich der Himmel. Johannsen: Besser hätt ich es jetzt nicht sagen können.

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