Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Maria Meesters im Gespräch mit Prof. Hans-Joachim Sander, Salzburg  

Pfingsten. Die Jünger Jesu haben sich in einem Haus verkrochen.
Plötzlich stürmt es da drin, es tauchen Feuerzungen auf, und auf einmal werden die Jünger mutig. Sie predigen, finden die richtigen Worte; und viele Menschen verschiedener Nationalität werden spontan Christen.

Ich spreche über dieses Ereignis mit Hans-Joachim Sander. Er ist katholischer Theologe und Professor für Dogmatik in Salzburg, und das Verhältnis der Kirche zur übrigen Welt ist schon lange eines seiner Arbeitsthemen.

 

Herr Sander, ganz gleich, wie das damals genau gewesen ist – es hat ja einen Anfang gegeben, den das Neue Testament so beschreibt. Was steckt denn in diesem Anfang an Anregung für heute? 

Es steckt in diesem Anfang die Auferstehung, für die Kirche eigentlich da ist, und zugleich aber auch die Kreuzeserfahrung, von der sie herkommt. Also, man hat ja in den drei großen Festen Weihnachten, Ostern und Pfingsten eine innere Verbindung. Das Ganze geht von Ostern aus. Und der entscheidende Punkt ist, wie bei Ostern, bei den drei heiligen Tagen, die Umschlagserfahrung von der Kreuzigung zur Auferstehung, Bewältigung des Karsamstag, und hier jetzt bei Pfingsten, dass diejenigen, die fürchterliche Angst haben nach der Erfahrung der Kreuzigung, der Auferstehung und der Himmelfahrt - die haben Angst davor, was jetzt alles da geschehen könnte; deswegen sind sie so auf sich bezogen – daß die mit einem Male allen Mut zusammengerafft bekommen, und das kann man nur im Passiven sagen, denn sie haben ihn nicht zusammengerafft, sondern der Geist kam und hat sie hinausgetrieben, und man erfährt in dem Auf-die-Marktplätze-Gehen das, wofür die Auferstehung steht.

In der katholischen Kirche blickt man in diesem Jahr zurück auf das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren, und besonders dabei auf ein Dokument, das damals erarbeitet wurde zum Thema „Kirche in der Welt von heute“ oder „in der Welt dieser Zeit“. Das fängt an mit den Worten: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Was hat dieser Satz mit Pfingsten zu tun?

Er beschreibt Pfingsten in unserer eigenen Gegenwart. Es ist ein Satz, der sich identifiziert als eine Spiritualität. Es ist die Spiritualität der Kirche, die dieses Konzil gemacht hat, und es ist ein Satz, in dem sich die Jünger und Jüngerinnen Christi mit denen identifizieren, mit denen sie gemeinsam in der gleichen Zeit auf dieser Erde leben. Und Pfingsten beschreibt nichts anderes, denn die Jünger, die den Geist empfangen in Form von Feuerzungen, sprechen plötzlich Sprachen, die nicht die ihren sind, aber die die ansprechen, mit denen sie es zu tun haben, und zwar als die Muttersprache derer, die jetzt da auf dem Marktplatz versammelt sind. Und das sind offenbar sehr viele. Das ist ein plurales, multikulturelles, klassisch hellenistisches (Publikum), wir können auch sagen: eine normale Stadterfahrung von heute, und es wird nicht die Sprache der Kirche gesprochen, sondern es werden die Sprachen der Anderen gesprochen, und das sagt dieser erste Satz genau gleich.

Deren Freude und Hoffnung ist unsere Freude und Hoffnung.

Deren Trauer und Angst ist unsere Trauer und Angst.

Also die Sprache der Hoffnung, die Sprache der Angst, die Sprache der Trauer, die Sprache der Freude, die muss man sprechen lernen. Und das ist eine geistige Erfahrung – das ist Pfingsten.

Einerseits ist die Kirche ja damals oder heute nicht herausgehoben, Christen sind nicht anders als andere Menschen auch – andererseits hat die Kirche doch offenbar etwas zu geben, weiterzugeben. Wie verhält sich das zueinander?

Christen, Christinnen sind ganz normale Menschen, aber sie werden ermutigt, über den eigenen Schatten zu springen, und das ist ihr Beitrag. Das heißt: sie können sich und sollen sich – und nach dem Konzil sollen sie es auch wollen – auf Dinge einlassen, die sie überraschen, die sie möglicherweise sogar befremden, und wenn man sich auf das einlässt, also die Sprachen der anderen spricht, wird man etwas erfahren, was man selbst zur Verfügung hat, nämlich den Mut, über den eigenen Schatten zu gehen. Also, es gibt guten Grund für die Kirche, dass sie zu der Botschaft zurückkehrt, die sie eigentlich auf ihrem Rücken zur Verfügung hat. Aber die Sprache dieser Botschaft wird sie von den Menschen her bekommen, mit denen sie es zu tun bekommt, und das ist die Pfingsterfahrung.

Gleichzeitig höre ich da aber etwas von Gegenseitigkeit und davon, dass eben Christen und Christinnen, um sie selber zu werden, die Anderen brauchen.

Ohne die anderen hat man keine Sprache für das Evangelium. Die Kirche kennt den Text des Evangeliums, aber nicht die Sprache, die es braucht, um es zu sprechen.

Das sind die Sprachen der Anderen. Das sind die Sprachen, die der Geist der Kirche eröffnet, weil er sie konfrontiert mit diesen anderen Menschen, denen man nicht ausweichen kann. Deswegen ist diese Wechselseitigkeit eine Gnade.

Sie benutzen im Zusammenhang mit der Frage, wie Gott für uns Menschen präsent wird, häufig ein etwas rätselhaftes Wort, das Wort Andersorte.

Mit dem Fremdwort heißt es Heterotopie. Also nicht Utopie, nicht etwas, das gar keinen Ort hat, das in der Zukunft liegt; sondern etwas, das einen total anderen Ort hat. Was verstehen Sie darunter? 

Andersort ist ein Ort, der da ist, also der ist nicht anders als die anderen Orte. Aber sich diesem Ort auszusetzen, bedeutet, etwas einräumen zu müssen, was einen selbst anfasst. Heterotope sind Orte, die mit bestimmten Diskursen belegt sind, die prekär sind. Die Jünger und Jüngerinnen, die sich auf die Marktplätze wagen, zeigen sich als Leute, die das Evangelium Jesu verkünden, als des Gekreuzigten und Auferstandenen. Sie riskieren ihre Existenz. Das heißt: der Marktplatz ist nicht einfach ein leicht zu nehmender Ort. Man setzt sich aus, man kann dort scheitern, man wird auch scheitern; aber das bedeutet nicht, dass man den Mut verliert.

Und Andersorte heute? Vielleicht ganz konkret in unserem mitteleuropäischen Kontext: 

Ein Andersort, den wir heute erleben und der alle unsere Gesellschaften in Europa erfasst, ist das Mittelmeer. Das Mittelmeer, das „Mare Nostrum“ genannt wurde von den Römern, also

„unser Meer“, zeigt sich mit einem Mal als ein fürchterlicher Friedhof, bei dem viele Migranten auf einer gefährlichen Überfahrt ums Leben kommen. Die die Not haben, ihre Heimat verlassen zu müssen, und die es zum Teil erfahren müssen, dass ihnen statt geholfen wird, dass sie auch noch abgewiesen werden. Wir werden mit etwas konfrontiert, dem wir uns nicht entziehen können. Es ist dasselbe Meer, an dem viele Menschen Urlaub machen, aber dieses Meer hat eine Tiefendimension, die in dieser Andersartigkeit seine Existenz darstellt.

Das ist ein Andersort.

Und die Kunst besteht jetzt für die Kirche darin, in diesen Andersorten zu entdecken, was darin die Gottespräsenz ausmacht.

Und wie finden wir jetzt den Weg zurück zum Thema Pfingsten?

Pfingsten ist die Ermutigung, sich auf einen solchen Ort einzulassen. Weil die, die dort hingehen, nicht wissen, was sie sagen sollen. Aber wenn sie sich dem Marktplatz aussetzen, wird die Feuerzunge sie eine Sprache lehren, die sie selbst gar nicht beherrschen, die sie aber korrekt zur Sprache bringen.

Also sich einem Ort auszusetzen, der einem prekäre Themen zumutet. Der Mut, sich diesem Ort auszusetzen, wird zu einer Ermutigung, eine Sprache zu sprechen, die einen selbst überrascht und die zugleich die Demut voraussetzt, sich von diesem Ort die Themen und die

Sprache geben zu lassen, ohne die man das nicht bewältigen kann.

Und das ist die Pfingsterfahrung, die man heute machen kann.

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