Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf-Dieter Steinmann im Gespräch mit Nikolaus Schneider, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland

 

Christi Himmelfahrt: Klarheit, Reife und Gewissheit

Herr Schneider; Christi Himmelfahrt ist ein Feiertag, der ist ja nicht so ganz leicht zu fassen. Liegt so zwischen Ostern und Pfingsten ein bisschen unbestimmt. Versuchen Sie mal Christi Himmelfahrt ein bisschen greifbar zu machen.

Drei Stichworte, die dann auf ein überwölbendes Stichwort zulaufen. Die Stichworte heißen, Klarheit, Reife, Gewissheit.
Und das überwölbende Stichwort heißt: Gesegneter Abschied.
Klarheit: Es ist nun klar, dass mit dem Erscheinen Jesu -in welchen Gruppen auch immer- nicht mehr zu rechnen ist.
Reife: Jüngerinnen und Jünger hatten nun Zeit, darüber nachzudenken, was Sterben und Auferstehung Jesu für sie bedeutet. Und es wird nun auch klar, sie müssen Verantwortung übernehmen für die Zeit, die folgt.
Gewissheit: Jesus hat sich nicht irgendwie aufgelöst, sondern es wurde ganz klar, er ist zu Gott, zu seinem Vater, gegangen und er hat sie beim Weggehen gesegnet. Also ist nicht einfach irgendwie entschwunden.
Dieser Segen eröffnet Zukunft. Es ist nun klar, es ist ein Abschied, der darauf zielt, dass Verbundenheit etabliert wird. Und ein Weg in die Zukunft ermöglicht, der eigenverantwortlich ist, der aber nicht alleingelassen ist.

Ich habe immer an Christi Himmelfahrt sehr gern gesungen. ZB „Jesus Christus herrscht als König“. Na ja, es gibt ja so eine Erfahrung: ‚Was du nicht sagen kannst, das singe.‘ Wie geht es Ihnen mit dem Lied?

Das Lied ist auch für mich ganz wichtig, weil dieses Lied deutlich macht: Es gibt eine Grenze aller Achtung und allen Respektes vor politisch Verantwortlichen. So wichtig das ist, Achtung und Respekt vor ihnen zu haben, aber es gibt eine Grenze. Dass ‚Jesus Christus als König herrscht‘, heißt, dass gegen alle totalitären und Anmaßungen und Übergriffe wir einen König haben, an den wir uns dann halten können, der uns trägt und hilft, auch wenn scheinbar alles zugrunde geht. Ich habe das immer als empfunden als ein großes Freiheitslied, als ein Widerstandslied gegen solche übergriffigen Mächte.

80 Jahre Barmer Theologische Erklärung

Ich vermute, dass man das heute so klar sagen als Protestant, hat sehr viel mit einem anderen Erinnerungsdatum zu tun, das just auf diesen 29.5., auf Christi Himmelfahrt, fällt. Nämlich heute vor 80 Jahren kamen in Wuppertal- Barmen Christenmenschen aus ganz Deutschland zur Barmer Bekenntnissynode zusammen und haben die Barmer Theologische Erklärung erarbeitet, erstritten, erdiskutiert. Was ist damals passiert vor 80 Jahren und was ist für Sie der Ertrag dieser Bekenntnissynode?

Das vermuten Sie völlig richtig. Barmen 5, also die Aussagen zu den Aufgaben des Staates und dem Verhältnis von Staat und Kirche sind wirklich bis heute richtungsweisend.
Aber wenn man jetzt mal grundsätzlicher fragt:
Barmen war das Zusammenfinden unterschiedlicher Bekenntnistraditionen in Deutschland und damit die Überwindung damit verbundener Egoismen und Konkurrenzen. Barmen war das Bewahren von Kirche angesichts der Verwüstungen und der Verirrungen von Theologie und vielen Verantwortlichen in der Kirche. Aus diesem Grund war es ein Ereignis, das bis heute unsere Kirche wesentlich mitprägt.

Ich habe mir noch mal deutlich gemacht. Es gibt Zeugnisse von führenden Deutschen Christen (Kirchliche Partei, die der NS Ideologie sehr nahe stand), in denen Jesus Christus und Adolf Hitler als Offenbarungen auf dieselbe Stufe gestellt werden. Das kann man sich heute eigentlich gar nicht mehr vorstellen, was in den Köpfen damals vorgegangen ist.

Ja, genauso ist es. Das sind wirklich massive Verirrungen auch in der Selbstanbetung von Rasse, von Blut, von Erde, von eigener Kraft und Stärke und das hat Barmen eben geschafft in der Konzentration auf Christus für eine neue Grundlegung zu sorgen, aber auch für eine Befreiung zu sorgen. Das ist ja in der berühmten 2. These, dass Christus unsere Befreiung von den gottlosen Mächten dieser Welt sei. Die Konzentration auf Christus ist das Wesentliche, das Barmen gebracht hat.

Gibt es etwas wo Sie sagen, da geht mir etwas, was in Barmen formuliert ist, oder was da verhandelt wurde, das geht mir heute als Mensch persönlich auch nahe?

Ja es ist zum einen wirklich diese Konzentration auf Christus, es ist aber auch etwas, was viele Menschen gesagt haben, die damals in Barmen zusammen gekommen sind. Sie haben nämlich gesagt: ‚Dieses Barmer Bekenntnis, das wurde hart erarbeitet, das wurde auch erstritten, da gab es Vorbereitungen. Aber sie haben dann gesagt: ‚Uns wurde dieses Bekenntnis in den Mund gelegt.‘
Barmen war die Erfahrung der Gegenwart des Geistes Gottes, des sich unmittelbaren Auswirkens der Gnade Gottes. Ich denke, das ist in gleicher Weise demütig wie selbstbewusst: ‚Hier hat Gott geredet.‘
Aber auch demütig: ‚Es muss auch Gottes Rede sein und nicht nur unsere Anmaßung,

Was bedeutet Barmen für das Verhältnis von Kirche und Politik bleibend?

Hier hat Barmen einiges klar gestellt.
Erstens die Aufgaben des Staates: Keine 1000 jährigen Reiche, begrenzte Zeit.
Deutlich gemacht nach dem Maß menschlicher Einsicht und menschlicher Vernunft zu handeln und dass das staatliche Handeln dem Frieden und der Gerechtigkeit zu dienen hat. Das gibt dem staatlichen Handeln Legitimität.
Und Barmen hat darauf aufmerksam gemacht, dass es eine Verantwortung der Regierenden und der Regierten gibt, auch der Regierten. Also, dass wir staatliches Handeln begleiten müssen und auch dafür eintreten müssen.
Dass ein Staat nicht in Rechtlosigkeit abgleitet und totalitär wird.

In diesem Sinn ist es vielleicht auch zum ersten Mal so etwas wie ein demokratisches Bekenntnis.

Das kann man so sehen. Ein Bekenntnis, das Grundprinzipien einer demokratisch verfassten Staatsform auf dem Hintergrund des biblischen Zeugnisses zum Ausdruck bringt. Übrigens auch noch um den Aspekt vermehrt des Gewaltmonopols beim Staat und nirgendwo sonst.
Und zum Verhältnis von Staat und Kirche hat Barmen 5 auch etwas gesagt. Die Aufgabe der Kirche besteht darin, den Staat zu erinnern. Nicht selber staatliche Macht auszuüben, ihn zu erinnern.
Woran? An Gottes Reich, also nicht der Staat ist Gottes Reich. Aber auch an Gottes Recht und Gerechtigkeit, das ist vor allem eine Gerechtigkeit, die an Lebensschutz für die Benachteiligten, für die Kleinen, für die Armen interessiert ist. Die deutlich macht, dass Barmherzigkeit und Gerechtigkeit zusammengehört.

Barmen orientiert politisch und ermutigt ökumenisch
Herr Schneider, versetzen Sie sich mal in „christliche“ Politiker, in Menschen, die  politische Verantwortung übernehmen heutzutage. Sei es als Minister oder Ministerin, sei es als Gemeinderat. Was könnte Barmen für sie sein?

Ansporn und Ermutigung. Aber auch Orientierung.
Ansporn und Ermutigung, weil Barmen ja deutlich sagt: ‚Es ist eine Wohltat, dass es den Staat gibt, die auch von Gott her als eine solche Wohltat zu verstehen ist. Und deshalb hat das politische Agieren eine eigene Würde. Wenn Sie so wollen, eine eigene Würde, die Teil daran hat, dass  diese Welt bewahrt bleibt und erhalten werden soll. Dass diese also auch im Interesse dieser göttlichen Liebe und Zuwendung geschieht. Eine großartige Wertschätzung und das wollen wirPolitikerinnen und Politikern gegenüber auch zum Ausdruck bringen.
Das Zweite ist Orientierung: Wenn ihr auf christlichem Glauben heraus Politik macht, dann habt ihr einen Referenzrahmen, dann könnt ihr euch auf die Heilige Schrift beziehen. Dann kann man die Bibel nicht aufschlagen wie ein Kochbuch und da nachlesen, was soll ich bei der Einzelfrage so und so tun. So geht es nicht. Aber ihr bekommt eine grundsätzliche Orientierung und das ist eine große Hilfe für euer Agieren.

Kommen wir noch mal zurück zur Kirche. 2014, 80 Jahren nach Barmen. Gibt es etwas an diesem Bekenntnis, was es uns als Kirche ins Stammbuch schreibt? Als evangelische Kirche, oder vielleicht sogar den Kirchen, wenn denn Barmen eine ökumenischen Anspruch vielleicht hat?

Ich würde einen Impuls nennen und das ist die Vorordnung Christi und des Evangeliums vor allen Bekenntnisbindungen. Das war die Voraussetzung dafür, dass man sich damals überhaupt hat verständigen können. Damit werben wir auch zu einem gemeinsamen Feiern von 2017, indem wir an 1517, also den Thesenanschlag Martin Luthers erinnern, wo es ja auch darum ging, die Quellen des Evangeliums wieder frei zu legen. Und das zu feiern.
Wenn wir Christus und das Evangelium vor all unserer theologischen Lehrbildung und vor allen Bekenntnissen vorordnen, dann glaube ich, erfahren wir dadurch eine Ermutigung, die dann auch hilft, unüberwindbar erscheinende Unterschiede zwischen den Kirchen und Konfessionen anzugehen und auch zu überwinden.

Also Barmen nicht nur ein demokratisches, sondern auch ein ökumenisches Bekenntnis?

In der Konzentration auf Christus liegt im Ansatz etwas Ökumenisches, weil das verbindet uns ja alle, mit der Orthodoxie und auch mit der römisch-katholischen Kirche. Wenn wir die Nachfolge Christi stark machen, sind das die Wege, auf denen wir auch zu größerer ökumenischer Gemeinschaft finden werden. Davon sind wir alle gemeinsam überzeugt. Und wenn Sie wollen, ist das auch ein Impuls, der von Barmen ausgeht.

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