Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Weihnachten und der heimatlose Gott

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Michael Tilly, Tübingen

Einspiel: Lobt Gott, ihr Christen, alle gleich, Strophe 2

(CD 1 track 22 aus CD „Aus meines Herzens Grunde – Die schönsten alten Kirchenlieder“, Interpreten Andreas Weller, Kay Johannsen, LC  Nr. 3989)

„Er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein“, so beschreibt das bekannte Lied, das wir gerade gehört haben, die Weihnachtsszene. „Elend, nackt und bloß“ – das steht gar nicht in der biblischen Weihnachtsgeschichte. „In Windeln gewickelt“ heißt es da.

Herr Professor Tilly, Sie sind an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Uni Tübingen Professor für Neues Testament und Experte antikes Judentum und hellenistische Zeitgeschichte, kennen sich also besonders mit den religiösen Strömungen und Traditionen der Religion zur Zeit Jesu aus.
Warum ist der Stall, die Krippe, das Unbehaustsein ein so wichtiges theologisches Motiv in der Weihnachtsgeschichte, dass es im Weihnachtslied sogar noch zugespitzt wird?

Stall und Krippe begegnen in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Und in der Weihnachtsgeschichte hat Lukas vor allem den Gegensatz zwischen der Hoheit des Gottessohnes, der geboren wird, und der Niedrigkeit der Umstände, in denen er geboren wird, betont. Lukas will also die Hilflosigkeit und die Angewiesenheit des Christuskindes betonen.

Die Heimatlosigkeit der Heiligen Familie verschärft sich in der weiteren Erzählung ja noch. Nach der Zeit im „Stall“ folgt die Flucht vor den Schergen des Herodes nach Ägypten. Maria, Joseph und Jesus werden politisch verfolgt und suchen Asyl. Diese Wanderungen in der Weihnachtsgeschichte – von Nazareth nach Bethlehem, von Bethlehem nach Ägypten – sind ja nicht zufällig oder nur den historischen Umständen geschuldet, sondern die Geschichte ist ganz bewusst so komponiert…

Das ist richtig. Es geht im Wesentlichen um zwei Dinge. Zum einen geht es um Bethlehem. Deshalb sind Maria und Josef in der Weihnachtsgeschichte nach Lukas auf dem Weg von Nazareth nach Bethlehem. Und der Grund ist der, dass Bethlehem der Ort ist, an dem der Prophet Micha die Geburt des Messiaskönigs aus dem Haus Davids verheißen hat. Und aus diesem Grund wird der Geburtsort Jesu aus Nazareth, der überall und allen seinen Zeitgenossen eben als „Jesus aus Nazareth“ bekannt war, nach Bethlehem verlegt.

Bei Matthäus ist ein anderer Akzent wichtig, hier geht es darum, dass die Familie vor den Nachstellungen des Herodes nach Ägypten flieht. Und hier ist es interessant, dass bei Matthäus die Geburts- und Kindheitsgeschichte Moses mit der Geburts- und Kindheitsgeschichte Jesu parallelisiert wird. Genauso wie der Pharao alle Neugeborenen suchen und umbringen lässt, genauso agiert Herodes der Große. Und genauso wie die Familie des Moses vor diesen Nachstellungen flieht, so flieht die Familie Jesu vor den Nachstellungen des Herodes. Und gezeigt wird, dass Jesus in vielerlei Belangen mindestens genauso groß und wichtig ist wie Moses.

Die Bezüge zum Alten Testament sind da ganz deutlich, zur Geschichte von Mose. Insgesamt sind ja Flucht, Heimatlosigkeit und Exil Themen, die auch im Alten Testament, der Heiligen Schrift Jesu ganz prägend sind

Nun, Vertreibung aus Lebensumständen, die man sich zurückwünscht, das ist eine menschliche Grunderfahrung, das geht los mit der Vertreibung aus dem Paradies. Es ist aber auch eine Grunderfahrung Israels. Das Exodusgeschehen wird bis heute im jüdischen Fest immer wieder bedacht, wir haben andere Vertreibungen, im 8. Jh werden zahlreiche Bewohner des Nordreiches deportiert, wir haben die Babylonische Gefangenschaft, das Exil des 6. Jahrhunderts, und wir haben den dauerhaften Verlust der politischen Selbstständigkeit unter Herrschaft der Perser, der Griechen und Römer. 70 n.Chr., also etwa die Zeit, in der unsere Evangelisten schreiben, wurde der Jerusalemer Tempel zerstört und das Judentum in die Diaspora zerstreut. Wir haben hier also eine ganz wesentliche Grunderfahrung dargestellt.

Diese Erfahrungen des jüdischen Volkes, die Erfahrungen von Flucht, Vertreibung, Heimatlosigkeit  haben auch ethischen Konsequenzen, die sich relativ früh auch schon in den Geboten widerspiegeln…

Das ist richtig, die fünf Bücher Mose, die Tora, warnt mehrfach vor der Unterdrückung der Fremden. Die Fremden werden den Witwen und Waisen an die Seite gestellt und die Fremden erhalten genauso wie diese die Zusage, dass Gott ihr Schreien erhören wird. Fremde zu kleiden, zu speisen und zu lieben wird im fünften Buch Mose ganz besonders geboten. Und der Ernteertrag soll alle drei Jahre auch an die Fremden, die Witwen und Waisen fließen.

Fremde, die ins Land kommen, sollen versorgt werden, Fremde, die sich im Land aufhalten, sind der besonderen Fürsorge anbefohlen. Da sind wir natürlich bei brandaktuellen Themen gelandet. Die Flüchtlingsströme – auch in unser Land – nehmen zu. Die Bilder von Lampedusa, die riesigen Flüchtlingslager, in denen Syrer Zuflucht vor dem Krieg suchen, sind schockierend. Können solche uralten ethischen Normen, die wir da in der Bibel finden, heute noch helfen, mit dem Problem von Flüchtlingsströmen in einer global vernetzten Welt umzugehen?

Aus christlicher Perspektive kann hier die Antwort nur lauten, den Schwachen und den Verfolgten mit voraussetzungsloser Nächstenliebe zu begegnen. Und zwar auch dann, wenn dies und unvernünftig erscheint. Und hier müssen wir beginnen zu fragen: Wie können wir unabhängig von allen politischen Rahmenbedingungen und von allen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ein klein wenig dazu beitragen, dass diesen Menschen in ihrer objektiven Not geholfen wird.

Zurück zu unserer Weihnachtsgeschichte: In jedem der unzähligen Krippenspiele, die gestern Abend in den Kirchen aufgeführt wurden, kommt immer auch ein Wirt – obwohl die Bibel von ihm gar nichts erzählt. Der Wirt darf oft ganz ungeschützt sagen, warum er keine zusätzlichen Fremden in seinem Haus haben will. Wenn Sie ein Krippenspiel schreiben müssten, wie würden Sie die Rolle des Wirtes ausgestalten?

Wenn wir das Anliegen des Evangelisten Lukas aufnehmen, dann würde die Gestalt des Wirtes, wenn ich das schreiben würde, ein vornehmer, geradezu arroganter Hotelier sein, der Maria und Joseph dazu zwingt, ihr Kind in einen Futtertrog zu legen, denn es geht um den Kontrast. Es geht um den Kontrast zwischen Sicherheit und einer radikalen Unbehaustheit.

Macht man es sich nicht ein bisschen zu einfach, wenn man sagt: Der Wirt, das ist so ein arroganter Hotelier, der hat viel Geld, der ist reich und der weist die arme Familie ab. Ist der Wirt uns nicht oft näher, als wir denken?

Also wenn etwas fremd ist, dann begegnet oft der Impuls, das Fremde abzulehnen, weil es einem vielleicht schaden könnte. Und interessanterweise haben bereits die ersten Christen den Mut aufgebracht, selbstlos und voraussetzungslos und auch gegen den Augenschein fremden Menschen zu helfen, wenn sie in Not waren. Und wenn wir jetzt Weihnachten feiern, dann feiern wir ein Geschenk. Und zwar ein Geschenk, dass Gott uns seinen Sohn in die Welt geschickt hat, dass er stellvertretend für uns am Kreuz leidet und stirbt. Und dieses Geschenk haben wir vorbehaltlos, vorurteilslos und ohne Voraussetzungen bekommen. Und wenn wir ein klein wenig von diesem Geschenk dadurch weitergeben, dass wir anderen voraussetzungslos und ohne Vorbehalte und auch da, wo wir vielleicht Ängste und Befürchtungen haben, helfen, dann haben wir einen Funken von dem, was wir heute feiern, auch weiter in die Welt getragen.

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