Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Maria Meesters im Gespräch mit Dr. Barbara Henze, Kath. 

Meesters:

Allerheiligen. In 5 Bundesländern ist heute Feiertag, darunter Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Ein katholischer Feiertag, an dem alle heiligen Frauen und Männer seit Christi Geburt gefeiert werden. Über dieses Fest und die damit verbundenen Bräuche spreche ich mit Dr. Barbara Henze. Sie lehrt als katholische Theologin an der Universität Freiburg Kirchengeschichte und ist Expertin für Geschichte der Frömmigkeit.

Frau Henze, was genau wird da gefeiert?

Henze:

Wir feiern an Allerheiligen die Menschen, die vor uns den Weg mit Christus oder im Glauben gegangen sind und von denen wir hoffen oder erwarten, dass sie jetzt das Ziel erreicht haben, auf das hin jeder Mensch strebt, der sich als Christ bezeichnet, dass er nämlich in der Gemeinschaft mit Gott lebt.

Meesters:

Wie ist denn dieses Fest entstanden? Wie kam es dazu?

Henze:

Die alte Kirche hatte ein lebhaftes Gefühl dafür, daß sie auf den Wurzeln von Menschen aufbaut, die ihr Leben für den Glauben gelassen haben, und all derer wollte man gedenken, auch unabhängig davon, ob man genau weiß, wie sie hießen und an welchem Tag sie gestorben sind.

Meesters:

Das heißt: Am Anfang standen die Märtyrer, die man besonders verehrt hat, aber dann entstand die Einschätzung, dass es auch Heilige gibt, Menschen, die ihr Leben im Sinne Gottes gelebt haben, deren Namen man nicht kennt, und die wollte man auf jeden Fall nicht vergessen.

Henze:

Ja

Meesters:

Das Fest hat ja aber, soviel ich weiß, doch auch vorchristliche Wurzeln, zumindest dieses Datum.

Henze:

Bei dem Datum, wann man dieses Fest feiert, gibt es unterschiedliche Terminierungen im Laufe der Zeit. In der ursprünglichen Kirche gehört es zum Osterfestkreis, und in den späteren Zeiten ist es zu unserem 1. November-Termin gekommen. Aber das war wahrscheinlich der Einfluss, dass es heidnische Wurzeln hatte und man einen Termin belegt hat mit dem Fest Allerheiligen. Aber das war erst, sagen wir mal, im 8. oder 9. Jahrhundert, aber nicht in der Anfangszeit.

Meesters:

Also ursprünglich wurde Allerheiligen in der Osterzeit gefeiert, und ich glaube die orthodoxe Kirche feiert es auch heute noch um Pfingsten herum.

Henze:

Am Sonntag nach Pfingsten. Und wahrscheinlich hat man bei der Missionierung der Kelten den Wintertermin genommen, um dann das Fest Allerheiligen zu feiern.

Meesters:

Und damit ist ein bisschen aus dem Blick geraten, dass es so eine Art Osterfest der Heiligen ist. Papst Franziskus hat ja vor kurzem von der Heiligkeit der ganz normalen Leute gesprochen. Er hat gesagt: „Ich sehe die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes. Eine Frau, die ihre Kinder großzieht. Ein Mann, der arbeitet um Brot nach Hause zu bringen, die Kranken…“.

Henze:

Da kann ich Papst Franziskus sehr verstehen, dass er weg will von dem Begriff der Heiligkeit. Denn wo man zuerst einen Prozess der Prüfung durchlaufen muss und wo man auch feststellen kann, dass diese Kriterien für Heiligkeit sich im Verlauf der Jahrhunderte einfach verändert haben und er setzt jetzt wieder bei dem ursprünglichen jesuanischen oder christlichen Tugenden an.

Meesters:

Sie haben einen Aufsatz geschrieben mit der Überschrift „Heilige fallen nicht vom Himmel“.

Henze:

Heilige fallen nicht vom Himmel, weil sowohl bei dem Vorgang, wenn Menschen jemand als heilig bezeichnen, man feststellt, dass es ein Bedürfnis einer bestimmten Zeit ist, bestimmte Fähigkeiten und Tugenden hervorzustellen, als auch bei dem Vorgang, wenn jemand dieses Heiligsprechungs-Verfahren durchlaufen muss, es auch da nicht jeder u. jede schafft, heilig zu werden. Zum Beispiel, wenn man sich eine Landkarte anschauen würde: Woher kommen eigentlich die offiziell von der römisch-katholischen Kirche heilig gesprochene Personen, dass da nicht jedes Land auf der Welt die gleiche Chance hat, Heilige hervorzubringen. Dass sich das zwar jetzt in der neueren Zeit nach Papst Johannes Paul II. verändert hat, aber bis dahin z.B. die europäischen Heiligen weit überwogen haben.

Meesters:

Und warum es z.B. vor allen Dingen Ordensleute und Priester sind und sehr viel weniger Menschen, die eine Familie gehabt haben?

Henze:

Genau. Da sprechen Sie einen relativ kritischen oder auch interessanten Punkt an, dass man nämlich dachte, dass dieses vorbildhafte Leben bestimmte Normen erfüllen musste. So war bis zum 19. Jahrhundert die Vorstellung.

Meesters:

Da ist es ja schon gut, dass wir jetzt auch wieder ein paar andere Töne hören.

Henze:

Wir haben aber noch keine konkreten Vorschläge gehört, welche Eheleute denn nun jetzt demnächst heilig gesprochen w erden sollen. Wir haben auch noch nicht davon gehört, dass man Personen heilig sprechen könnte oder wollte, wie z.B. Oscar Romero, den Erzbischof von El Salvador, die sich mit einer bestimmten Politik, die betrieben wurde, also USA-Waffenlieferung angelegt haben. Es hat zwar Vorschläge gegeben, ihn heilig zu sprechen, aber, so wurde als Begründung herangeführt, wenn man jemand heilig spricht, der sich mit Leuten, die mit Waffen handeln, angelegt hat, dann hat man gleichzeitig ja den Waffenhandel angegriffen. Also steckt hinter einer Heiligsprechung ja auch eine inhaltliche Botschaft. Wenn ich Priester und Ordensleute heilig spreche und nicht Eheleute steht dahinter die Botschaft: als Priester u. Ordensfrau bin ich sozusagen dem Himmel näher als als Verheiratete.

Wenn ich mich gegen Waffenanwendung u. Waffenhandel ausgesprochen habe, und ich werde nicht heilig gesprochen, dann ist es die Botschaft: die Kirche steht dem Waffenhandel nicht so kritisch gegenüber wie dieser Mensch, der dafür gestorben ist.

Und dann steckt schon auch die Anfrage dahinter: was für ein Leitbild wird über die offizielle Heiligsprechung weiter getragen in die nächsten Generationen? Was wird einer Zeit als vorbildhaft hingestellt? Da kann man feststellen, dass sich diese Leitbilder im Laufe der Jahrhunderte eindeutig geändert haben. Und dass also ein Heiliger Franziskus ein anderer Typ Heiliger ist, als wenn ich z.B. - selbst wenn ich unter den Ordensleuten bleibe - den heiligen Ignatius oder die heilige Theresa von Avila nehme. Theresa von Avila war eine gebildete Frau, die eine Reformbewegung initiiert hat, auch mit einer kritischen Funktion gegenüber der offiziellen Kirche. Ihre mystischen Ideen haben nicht in allem das wiedergegeben, was die damals sich ja schon konfessionalisierende römisch-katholische Kirche weiter trug. Von daher steckt dahinter ein anderer Typ Mensch und ein anderer Typ Heiligkeit, als beim hl. Franziskus, wo es einem leicht fiel zu sagen: Ach ja und jetzt vertreiben wir mal die Franziskus-Bilder, wie er den Vögeln predigt oder mit dem wilden Wolf spricht, und berücksichtigt dann auch nicht, dass Franziskus vielleicht noch andere Facetten hat.

Meesters:

Zu einem anderen Punkt noch: Heute Nachmittag werden ja wieder viele Menschen zum Friedhof gehen und die Gräber ihrer Verstorbenen besuchen, sie schmücken, Lichter anzünden, für die Verstorbenen beten. Da wirft Allerseelen, der morgige Tag, schon seine Schatten voraus. Ist das angemessen? Wie stehen die beiden Tage zueinander.

Henze:

Eigentlich müsste Allerheiligen dem österlichen Gedenken vorbehalten bleiben, derer die vor uns gegangen sind und von denen wir eben  hoffen, dass sie schon bei Christus sind. Und Allerseelen als Fest derjenigen, die noch dahin auf dem Weg sind. Warum man nicht die Kraft hat zu sagen – und wir gedenken ihrer freudig im Sinne von Ostern, weiß ich nicht genau. Eher verbindet man mit Allerseelen-Kult Bedrängnis. Man muss ihrer gedenken, weil sonst niemand an sie denkt, und nicht freudig im Sinne von: wir haben einen barmherzigen Gott im Himmel, und er freut sich über jeden, der dort anklopft.

Meesters:

Als Theologin wissen Sie jetzt viel über Allerheiligen und Allerseelen. Was bedeutet ihnen persönlich dieser Tag Allerheiligen?

Henze:

Ich glaube, nach vielem Nachdenken würde ich sagen: Allerheiligen kann ich tatsächlich auch in meinem persönlichen Leben so verankern, dass es ein Gedächtnistag ist, wo vielleicht das, was wir mit dem gemeinsamen Auferstehungstag verbinden, dass nämlich alle, die sich geplagt haben in ihrem Leben, zu ihrem Recht kommen und auch als solche erscheinen werden. Dass das ein Gedenktag ist für all die, vielleicht auch im Sinne von Papst Franziskus, die sich hier geplagt haben, dass die dann als Heilige in ihren weißen Gewändern erscheinen werden und wir sie jetzt schon verehren können.

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