Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Kalle Grundmann von der katholischen Kirche im Gespräch mit Barbara Rudolph, Oberkirchenrätin der Evangelischen Kirche im Rheinland

„Das Pfingstfest ist das Geburtstagsfest der Kirche"

Grundmann

Der Pfingstmontag ist landauf landab ein Tag, an dem es in vielen Städten und Dörfern ökumenische Gottesdienste gibt. Frau Rudolph, Sie sind in der Evangelischen Kirche im Rheinland zuständig für Fragen der Ökumene, warum ist das so?

Rudolph

Das Pfingstfest ist das Geburtstagsfest der Kirche. Und alle Kirchen weltweit feiern dort Geburtstag und da ist es sinnvoll, wenn man es mit den andern Kirchen am Ort gemeinsam tut.

Grundmann

Das Pfingstfest ist das Geburtstagsfest der Kirche, wie kann man das verstehen?

Rudolph

Es ist 50 Tage nach Ostern und das ist der Tag, an dem der Heilige Geist zu den Jüngern kam. Sie waren in der Zeit zwischen Ostern und dem Pfingstfest auf sich selbst gestellt. Jesus hat sie von Zeit zu Zeit gesehen. Aber am Pfingstfest bekamen sie den Heiligen Geist, das heißt den Geist Jesu. Und wie er sind sie ab dann losgezogen in die Welt und haben die Taten Gottes und die Erfahrung, die sie mit Gott gemacht haben, weitergegeben.

„Was uns verbindet, ist weltweit mehr als das, was uns trennt."

Grundmann

Wieso ist das jetzt ein Anlass, insbesondere der Ökumene zu gedenken?

Rudolph

An diesem Pfingstfest wird erzählt, das Petrus eine Predigt gehalten hat und die hat 3000 Menschen so überzeugt, dass sie sich gleich haben taufen lassen. Die erste Gemeinde dieser Welt, die erste christliche Gemeinde. Und seitdem denken alle Kirchen an diesem Tag als ihren Geburtstag und wissen, dass bei allen Trennungen, die wir haben, bei allen Unterschieden und bei allen Traditionen, die verschieden sind, es die eine Kirche ist, die wir an diesem Tag feiern. Und dass das, was uns verbindet, weltweit mehr ist als das, was uns trennt. Und das wollen wir zeigen in Gottesdiensten.

Grundmann

Die Situation der Ökumene in Deutschland ist ja im Moment - ja man hat das Gefühl - in den Hintergrund getreten. Es gab 2003 den ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin, 2010 in München und der nächste soll erst 2019 stattfinden. Man hat den Eindruck, die beiden großen Kirchen scheinen im Moment sehr stark mit sich selbst beschäftigt zu sein. Bei Beiden stehen große Strukturreformen an. Ist die Ökumene im Moment in Deutschland in den Kirchen eher ein Randthema?

Das Reformationsjubiläum 2017 gemeinsam feiern

Rudolph

Ich hab den Eindruck, sie nimmt gerade wieder Fahrt auf. Also zwischendurch muss man feiern. Das war so 2003 und 2010 bei den großen ökumenischen Kirchentagen. Jetzt habe ich den Eindruck, es wird richtig konstruktiv miteinander gearbeitet. In der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 fangen die Bistümer hier in der Evangelischen Kirche im Rheinland zum Beispiel an uns zu fragen, wie wollt ihr das dann mit uns feiern?

Grundmann

Die katholischen?

Rudolph

Die katholischen Bistümer fragen, wie wollt ihr das denn mit uns feiern? Wir wollen mit feiern, zeigt uns mal den Platz. So dass wir mit unserer römisch-katholischen Tradition auch dort vorkommen. Und da arbeiten wir richtig dran. Das ist nämlich gar nicht einfach, sich das zu überlegen, wie man das miteinander feiert, aber so dass das evangelische Profil auch deutlich wird aber die Katholiken sich auch zuhause fühlen. Also da gibt es richtig viel Arbeit im Hintergrund. Und ich denke irgendwann wird das auch deutlich werden.

Und bei den Strukturen gibt es was ganz Spannendes. Die katholische Kirche lädt uns ein, auf ihre Strukturen mit zu achten und zu beraten und umgekehrt haben wir vor, auch die katholische Kirche einzuladen und bei uns mit drauf zuschauen.

Grundmann

Sie sprachen gerade das große Reformationsjubiläum an - 2017: fünfhundert Jahre Reformation. Wenn's da um gemeinsames Feiern geht, in welche Richtung kann das dann gehen, wenn die Katholiken mitfeiern?

Rudolph

Die große Entwicklung der Reformation war die Bibel und war dass Jesus Christus alles für uns getan hat und wir nichts dafür tun müssen, um in den Himmel zukommen oder nicht in die Hölle zukommen. Das war ja die große Angst, die in dieser Zeit beherrschend war, für die Martin Luther auch steht. Und zur selben Zeit wo wir uns auf das Reformationsjubiläum vorbereiten, feiert die römisch-katholische Kirche das Jubiläum des II. Vatikanums und in dessen Mittelpunkt stand wieder die Entdeckung der Bibel. Das heißt, wenn wir uns darauf konzentrieren, dass wir in der Bibel Jesus Christus entdecken und das miteinander feiern sind wir - glaube ich - an ganz vielen Stellen viel näher als wir das manchmal so im Alltag miteinander empfinden.

Bedeutung der „kleinen Kirchen" für die Ökumene

Grundmann

Nun ist aber Ökumene mehr als die Zusammenarbeit von römisch-katholischer Bistümer und evangelischer Landeskirchen, sondern es gibt ja auch noch eine ganze Reihe von kleineren Kirchen, auch orthodoxe Christen leben in Deutschland. Welche Rolle spielen diese Kirchen im Prozess der Ökumene?

Rudolph

Eine sehr große. Denn die meisten dieser kleinen Kirchen in Deutschland sind weltweit groß, also zum Beispiel die evangelisch-methodistische Kirche. Das sind dreißig Tausend in Deutschland im Vergleich zu 25 Millionen Katholiken oder 25 Millionen aus der Evangelischen Landeskirche klingt das wenig. Weltweit ist das eine sehr große Kirche, die in den USA, in Afrika, in Asien ganz groß ist. Und das sind in Deutschland auch die Ökumenetreiber. Die kleinen Kirchen drängen die großen mit ihnen zu reden. Und das tut ihnen gut. Bei der Ökumene zur Zeit ist es ganz wichtig, dass wir lernen zum Beispiel von den Orthodoxen, die uns die Verfolgten und Unterdrückten dieser Welt nahe bringen. Noch heute Morgen habe ich eine Email bekommen von einem koptischen Bischof, der mir mitteilt, wie es in Syrien aussieht oder wie es in Ägypten aussieht.

Und die Freikirchen sind für uns ganz wichtig, wenn es darum geht auch zu gucken, wie wir die Reformation so feiern, dass die kleinen Kirchen mit im Boot sind. Im wahrsten Sinne des Wortes und im übertragenen Sinne des Wortes.

Gemeinschaft der Religionen

Grundmann

Ökumene bedeutet ja wörtlich die bewohnte Erde, es geht also um die Verantwortung für den ganzen Erdkreis und für alle Menschen. Gibt es auch so etwas wie eine Ökumene der Religionen, also insbesondere natürlich auch der abrahamitischen Religionen, also sprich Juden, Christen und Muslimen?

Rudolph

Ich selber nenne das nicht Ökumene, weil die Ökumene nach der Definition - auch des ökumenischen Rates der Kirchen - im Mittelpunkt den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus hat. Das geht mit anderen Religionen nicht. Aber eine Gemeinschaft der Religionen, die sehe ich sehr wohl. So wie wir ernsthaft an Gott glauben, der uns in Jesus Christus eben deutlich geworden ist, so entdecke ich bei Muslimen, bei Juden, auch bei Buddhisten, die es in diesem Land viel gibt, eine große Ernsthaftigkeit und das verbindet uns sehr miteinander. Wir haben eine ganz intensive Beziehung zu den Juden, mit denen wir in der Tat an den einen Gott glauben. Auch wenn uns die Frage, wer Jesus Christus ist, trennt. Wir haben hervorragende gemeinsame Traditionen mit den Muslimen. Und wir als Kirche legen großen Wert darauf, die Stärke dieser Religionen auch wach zu halten. Weil sie heutzutage auch so missbraucht werden. Aber ein Islamist ist eben nicht ein Moslem. Und deswegen suchen wir das Gespräch mit den Muslimen in unserem Land.

Grundmann 

Welchen Beitrag kann denn so eine Gemeinschaft der Religionen zum Frieden und zur Frage der Gerechtigkeit in der Welt leisten?

Rudolph

Religionen und auch Konfessionen kommen nur miteinander weiter, wenn sie nicht über einander reden, sondern miteinander reden und miteinander arbeiten. Also ein kleines Beispiel: Wenn in Köln zum Beispiel in einem Viertel, in dem viele verschiedene Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen zusammen leben, zusammen einen Spielplatz gestalten auf einer etwas heruntergekommenen Grünfläche. Und dort haben sie zum Beispiel eine Wippe aufgestellt und sagen: Wenn das Verhältnis der Religionen in der Waage ist, wenn man miteinander im Gespräch ist, miteinander kommuniziert wie auf einer Wippe, dann sind wir ein Stück weiter. Also miteinander arbeiten in diesem Land. Es braucht die Kräfte aller Menschen, die guten Willens sind. Und Religionen haben immer den Blick über den Horizont hinaus. Also nicht nur das, was man sieht, sondern auch das, was man erhofft. Und dazu können sie sehr viel beitragen in diesem Land.

„Miteinander etwas tun für diese Welt"

Grundmann

Frau Rudolph ganz kurz zum Abschluss. Ich frag mal so: Ökumene. Was erhoffen sie sich an Fortschritten in der Ökumene der christlichen Kirchen hier in Deutschland ich sag mal so für die nächsten 10 Jahre?

Rudolph

Ich habe den Eindruck, dass der neue Papst in Rom ein Papst ist, der in den Mittelpunkt stellt den Einsatz für Gerechtigkeit und Armut. Ich hoffe, dass wir nicht so sehr einander über komplizierte Strukturfragen sprechen oder über Fragen, an denen wir nicht weiterkommen, sondern miteinander etwas tun für diese Welt, dass die Armen mehr Gerechtigkeit bekommen und die Reichen dadurch auch ein Stückchen glücklicher werden.

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