Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Wolf-Dieter Steinmann, evang. Kirche, im Gespräch mit Rainer Johannes Homburg, dem Leiter der Stuttgarter Hymnus-Chorknaben

Ostern im ¾ Takt
Steinmann:
Herr Homburg, Sie sind Leiter der Hymnus-Chorknaben in Stuttgart, mit Musik immer verbunden gewesen, Kantor gewesen. Welche Musik hören oder musizieren Sie zu Ostern denn besonders gern?

Homburg:
Also ganz wichtig ist der Aspekt, selber Musik zu machen an Ostern. Das tue ich deutlich intensiver als Musik zu hören. Ich liebe Osterlieder oder auch Motetten wie von Johann Eckhart „Zu dieser österlichen Zeit" etwa. Aber auch Orgelmusik. Ich bin ja auch Organist ursprünglich und da ist für mich sehr österlich, das Präludium G-Dur BWV 541.

Musik 1 track 2 Präludium BWV 541 aus CD „Bach Orgelwerke IV"
         Ton Koopman    Novalis 1990  (0.47 min) LC 09421

Steinmann:
Man möchte beinahe ins Tanzen kommen in der Kirche.

Homburg:
Genau. (fade  out)

Steinmann:
Was ist für Sie als Organist die „österliche" Qualität dieser Musik?

Homburg:
Das ist zunächst einmal gar nicht so eine subjektive Frage. Es handelt sich ja um Barockmusik und die ist relativ objektiv in ihrer Stellungnahme. Und da haben wir hier einerseits den aufwärtsgerichteten Beginn, der natürlich Auferstehung symbolisieren mag. Wir haben den ¾ Takt, in der Musik vor Bach der perfekte Takt und auch bei Bach immer ein Takt, der die Dreieinigkeit symbolisiert.
Dann gehört eigentlich zu den Festen die Tonart D-Dur. Hier ist es G-Dur, aber die Tonart ist natürlich recht nah dran. Das sind aber zunächst mal ganz objektive Kriterien, die Freude evozieren und wenn sich Ihnen das direkt mitgeteilt hat, ist das der beste Beweis, dass die Theorie stimmt.

Steinmann:
Und der subjektive Faktor?

Homburg:
schließt sich eigentlich dem objektiven an. Ich kann das sehr gut nachvollziehen und das Thema der Freude ist für mich das zentrale österliche Thema überhaupt.

Steinmann:
Verändert Sie das, wenn Sie dieses Präludium gespielt haben, im Lauf eines Gottesdienstes beispielsweise?

Homburg:
Der Gottesdienst beginnt ja mit dem Orgelvorspiel für den Hörer, aber für den Musizierenden beginnt er ja weit vorher. Für mich gehört zu Ostern ein Chor, das beginnt mit der Probe vorher, mit der Begrüßung, „frohe Ostern" sagt man sich, man wünscht sich fröhliche Dinge, nachdem man möglicherweise gefastet hat oder wochenlang in der dunklen Jahreszeit zu Werke gegangen ist. Und diese Voraussetzung mündet dann in das Orgelvorspiel. Insofern ist das dann der Moment, wo die Freude laut wird.

Steinmann:
„Auferstehung" ist ja nun kein leicht zu fassender theologischer Gegenstand. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir gesungen leichter über die Lippen geht als „gesprochen". Würden Sie sagen, dass in Musik gefasste Sprache österlicher sein kann als gesprochene Sprache?

Homburg:
Ich habe durchaus Predigten vor Ohren, die derart intensiv von österlicher Freude gesprochen haben, dass mich das vollständig gefangen genommen hat als Hörer. Und ich würde da das Mittel nicht verabsolutieren. Interessant ist die Frage, was hat derjenige, der es verwendet, letztlich zu sagen.

Osterfreude durchs Jahr retten
Steinmann:
Wenn man auf die biblischen Geschichten schaut, kann man sehen, dass Menschen sehr unterschiedlich auf die Auferstehung reagieren:
Die Frauen, von denen wird erzählt, dass sie in Angst gefallen sind, Thomas zweifelt zutiefst. Grundstürzende Erfahrungen eigentlich, bevor sie dann glauben können. Welche von diesen Personen kommen Ihnen nahe?

Homburg:
Die Voraussetzung für die biblischen Berichte ist ja oft eine Art Beweisnot. Man muss beweisen, dass da etwas Besonderes passiert ist. Dieser Grundimpetus ist für mich gar nicht relevant. Ich bin in diese Tradition hineingewachsen und die Frage eines Beweises stellte sich schlicht nicht.
Insofern finde ich die unprätentiöse Weise wie Matthäus seinen Osterbericht schließt, sehr schlüssig und bin dem sehr nahe. Es gibt die beiden Mariä, es gibt einen gewaltigen strahlenden Engel, der ihnen das Geschehnis verkündet. Es gibt ihren Bericht an die Jünger. Dann gibt es eine Art Bestechung der Kriegsknechte, die mit genug Geld ausgestattet werden, um die Unwahrheit zu sagen. Und es gibt am Ende die Begegnung mit Jesus und es gibt den Missionsbefehl, der natürlich ganz zentral ist.
Steinmann
Sagt Ihnen also Auferstehung: Ihr habt eine Erfahrung gemacht, die Euch neu in Bewegung setzt?

Homburg:
Natürlich. Ohne Auferstehung ist der Tod ein Tod wie viele andere. Insofern ist die gesamte göttliche Dimension der Geschichte an diesem Moment zu erfassen und das ist der zentrale Moment überhaupt. Und wenn das denn so wichtig ist, muss man das natürlich weitersagen.

Steinmann:
Das gilt auch für Sie. Wenn Sie an Ostern musizieren, sind sie auch so etwas wie Botschafter der „Auferstehung". Was möchten Sie den Menschen geben?
Homburg:
Für mich selber ist zunächst einmal die österliche Botschaft von intellektueller Wichtigkeit.

Das zum Ausdruck zu bringen ist für den Musiker ein Moment der Emotionalität. Und insofern im Lauf meines Lebens - würde ich einfach sagen - hat es mit einer Einsicht begonnen, die sich letztlich in musikalische Freude wandelt und die möchte ich natürlich mitteilen.

Steinmann:
In der Hoffnung, dass die Menschen über die Emotionalität auch für ihren Verstand etwas gewinnen?

Homburg:
Also mir liegt fast an kirchlicher Atmosphäre an der Stelle. Es gehört unterstrichen, dass Kirche nicht nur mit Leiden und Last verbunden ist, sondern es ist frohe Botschaft. Evangelium ist frohe Botschaft. Das wird an Ostern in besonderer Weise deutlich. Und wenn man sich davon etwas durchs Jahr retten kann, dann hat man - glaube ich - eine ganze Dimension gewonnen, mit der wir uns manchmal recht schwer tun.

Ostern im Chor
Steinmann:
Das merk ich übrigens bei Ihnen auch zu anderen Zeiten des Kirchenjahres. Dass es so was ist wie österliche Freude an ihrer Art Musik zu machen, oder mit dem Jungs im Chor umzugehen, ja auch Lebendigkeit und Freude auszustrahlen.

Homburg:
Da hat natürlich die Dimension des Chores an sich eine Bedeutung. Es ist ja ein Chor, der auch Kindern besteht im Wesentlichen. Und die agieren einfach anders. Da ist das Tempo höher und es ist die Unbefangenheit viel größer.

Steinmann:
Herr Homburg, Sie haben jetzt in den letzten Tagen, Karfreitag und die Woche zuvor mit den Hymnus-Chorknaben die Matthäuspassion aufgeführt. Da geht es um sehr sehr ernste" Dinge: Schmerz und Schuld, Sterben. Wie erleben Sie da „Ihre jungen Sänger"?

Homburg:
Da gibt es einerseits die verblüffende Dimension, dass es Bach einerseits gelungen ist, so intensive musikalische Momente zu schaffen, dass die sich in den Proben zu eine r Art Gassenhauer eignen. Die werden anschließend auf den Fluren gesungen. „kreuzige, kreuzige" ist seltsam als Ohrwurm, kommt aber vor. Die Jungs leben einfach ganz elementar, vielleicht auch naiv, in der Musik. Sie nehmen sich das zu Herzen, aber sie haben überhaupt keine Berührungsängste. Sie tabuisieren gar nichts, sie fragen nach allem und sie versuchen sich es auch zu eigen zu machen.
Die Dimension, dass jemand gefoltert wird, zu Tode, die spielt eine große Rolle. Die können sie sich sehr klar vor Augen führen. Und auch als Unrecht erleben und als Unrecht reflektieren.

Steinmann:
Christlich gehören Karfreitag und Ostern zusammen. Wie gehen die Jungs im Chor damit um, wenn sie ein Wort wie „Auferstehung" hören?

Homburg:
Da sagt der eine: „Das gibt es doch immer wieder, dass Menschen eigentlich schon tot sind und wieder lebendig werden und das ist doch bei Jesus nicht anders gewesen." Da sagt der andere: ‚Aber es ist doch drei Tage später gewesen."Und der Dritte sagt: „Und er lag schon im Grab." Also die diskutieren das einfach: Wo liegt jetzt der besondere Moment und wenn man da eingreift und auf die Dimension der Vergebung von Sünde und von Schuld zu sprechen kommt, und grade bei der Passion: „Wer hat Dich so geschlagen" zitierend vor Ohren führt, dann greifen sie das auf.

Steinmann:
Erleben Sie bei manchen auch Skepsis?

Homburg:
Ich erlebe eher erstaunlicherweise, dass die Älteren die Dinge mit den Jüngeren diskutieren. Das ist auf unserer Probenfreizeit angelegt. Da gibt es Andachten, die die „Männer" - wie bei uns alle nach dem Stimmbruch heißen - für die Knaben halten und wo sie theologische Inhalte tradieren. Sicher gibt es da Skepsis, aber im Choralltag ist eher das Weitersagen Guter Nachricht Thema.

Steinmann:
Gibt es eine Musik, einen Choral, wo Sie sagen: Da würde Ostern mit meinem Chor stimmig zum Ausdruck werden können?

Homburg:
Ich persönlich bin ein großer Freund von Archetypen. Deswegen würde ich das Osterlied par excellence anführen: ‚Christ ist erstanden von der Marter allen, des sollen wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.

Da ist die österliche Botschaft zusammen gefasst in einer Minute.
Musik: track 20 „Christ ist erstanden" aus CD „Erschienen ist der herrlich Tag"
edition Chrismon   Wilhelmshavener Vokalensemble  Ltg. Ralf Popken, LC 16005

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