Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

 Kalle Grundmann im Gespräch mit dem Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann 

Den Tod zu feiern, dafür gibt es keinen Grund. 

Grundmann
Bischof Ackermann: Karfreitag, welche Bedeutung hat dieser Tag für Sie persönlich für Ihre Spiritualität, für Ihren Glauben? 

Bischof Ackermann
Der Karfreitag ist für meinen Glauben einer der ganz wichtigen Tage, natürlich eingebettet in die Heiligen Drei Tage, wie wir sagen, insgesamt, d.h. nicht nur der Karfreitag als der Tag, an dem wir feiern, dass Jesus mit dem, was er tut, mit dem Auftrag, den er von Gott empfangen hat, mit seiner Liebe zum Menschen bis zum Äußersten geht, bis zum Tod, sondern dass das natürlich eingebettet ist in den Weg hin zu Ostern. Denn es gäbe sonst keinen Grund, den Tod zu feiern, sondern nur in dieser Perspektive: Gott bestätigt diesen Weg Jesu und erweckt ihn zu neuem Leben. 

Grundmann
Wir verharren aber bei dem Impuls Tod. 

Bischof Ackermann
Den Tod zu feiern, dafür gibt es keinen Grund beim Menschen. Sondern nach unserm Verständnis ist der Karfreitag die Konsequenz dessen, was Jesus gelebt hat, d.h. das Reich Gottes zu verkünden. Die Botschaft Gottes zu bringen, das zu tun in aller Kompromisslosigkeit auch. Er lässt sich nicht von diesem Weg abbringen. Aber auch in der Wehrlosigkeit, er wendet keine Gewalt an, um das Reich Gottes aufzurichten. Und die Konsequenz ist, dass er selber zum Opfer wird, aber er tut es nicht einfach in der Art, dass der Tod als Verhängnis über ihn kommt, sondern er wählt diesen Weg mit der Konsequenz, die es eben hat, dass er sein eigenes Leben hingibt. An der Stelle ist Jesus ja in ganz besonderer Weise solidarisch mit uns. Wenn Paulus im Philipper-Brief sagt: „Er wurde in allem uns gleich bis in den Tod", dann ist das im Grunde die stärkste Solidarität, die Jesus auch an dieser Stelle zu uns zeigt.

 Gott wendet sich uns bis ins Äußerste zu. 

Grundmann
Die Solidarität Jesu, die Liebe Jesu führt zum Leiden, was bedeutet das für unser Leid, für das Leid in der Welt? 

Bischof Ackermann
Zunächst einmal würde ich sagen, kommt es darauf an, dass wir uns das sagen lassen. Dass wir uns das zu Herzen gehen lassen, dass Gott sich uns so zuwendet bis ins Äußerste, sozusagen alles gibt in Jesus, also den letzten Blutstropfen. Uns das sagen zu lassen, das zu glauben. Ich glaube, das ist der Ausgangspunkt. Alles andere, was wir daraus entnehmen  - Was heißt das auch für uns? Wie antworten wir auf diese Tat seiner Liebe, dass er uns so entgegenkommt? -, das ist das Zweite und das heißt natürlich für uns auch, wenn ich dem Weg folge, ruft es auch mich in die Solidarität mit den Menschen. 

Grundmann
Das heißt, an Karfreitag spielt das Leid der Welt, das Leiden der Menschen eine besondere Rolle. 

Es gilt, den Blick Gottes einzunehmen. 

Bischof Ackermann
In jedem Fall, denn natürlich geht es darum, auch diesen Blick Gottes, wenn man mal so sagen darf, einzunehmen, den er hat auf die Menschen. Das heißt auf uns: mit unseren Grenzen, mit unseren Schmerzen mit der Bedrohung des Todes, an der keiner vorbeikommt. Wer den Weg Jesu geht, wer sagt: „Ich will auch diesen Weg gehen, ich trage den Namen ‚Christ#", der kann nicht anders als diesen Blick einzunehmen. Nicht ohne Grund etwa wird in unserer Liturgie am Karfreitag in ganz ausführlicher Weise Fürbitte gehalten, das heißt der Blick geöffnet für die ganze Welt. Es beten nicht nur  diejenigen im Gottesdienst für sich, die dort versammelt sind. Sondern es ist diese Offenheit auf's Ganze hin. Das heißt natürlich auch in besonderer Weise noch mal den Blick zu öffnen für die, die auf der Verliererseite des Lebens stehen. 

Grundmann
Ganz konkret, an welches Leid denken Sie heute im Karfreitagsgottesdienst? 

Bischof Ackermann
Mir kommt vieles in den Sinn. Vor allen Dingen in dem Moment, wo der Gottesdienst beginnt. Das ist eigentlich mit das Stärkste. Da legt sich ja der Priester, der Bischof, flach auf den Boden. Das ist natürlich eine Geste der Hingabe, der Anbetung. Aber an Karfreitag ist das auch eine Geste der Solidarität mit all denen, die sozusagen niedergeschlagen sind, über die vielleicht auch die Geschichte hinwegtrampelt, die sich nicht wehren können. Das ist zum Beispiel ein ganz wichtiger Punkt in der Liturgie des heutigen Tages. 

Sexueller Missbrauch: Viele wurden verletzt und bei manchen wurde auch das Vertrauen in Gott zerstört. 

Grundmann
Bischof Ackermann, Sie sind seit 4 Jahren Bischof in Trier und seit 3 Jahren der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für alle Fragen, die mit dem sexuellen Missbrauch zu tun haben. Ich frage mal so: Wie haben denn die Erfahrungen der letzten Jahre auch Ihren Blick auf die Leiden der Menschen verändert? 

Bischof Ackermann
Natürlich ist durch die letzten Jahre und die Befassung mit den Verbrechen sexueller Gewalt auch bei mir die Sensibilität für diejenigen gewachsen, die diese Gewalterfahrung gemacht haben. Wir haben ja auch gesagt, wir wollen die Perspektive der Opfer einnehmen. Aber ich sage ganz ehrlich, je länger ich mich damit beschäftige, spüre ich, wie schwer das auch ist. Wie viel Ehrlichkeit es braucht, zu sagen: Gut, ich versuche das. Was braucht es alles, um irgendwie daran wirklich Anteil nehmen zu können, ohne vollmundige Versprechungen zu machen, die man nicht wirklich einlösen kann! Da werd' ich eigentlich immer sensibler auf dem Punkt. Aber natürlich, wenn ich an den Karfreitagsgottesdienst denke, dann geht das mit ein. Denn es ist ja nicht so, dass - auch nach drei Jahren - als wenn jetzt alles gehört worden wäre. Als wenn man da irgendwie zur Tagesordnung übergeht. Auch da, wo es zwischendurch immer wieder stiller ist um die Frage sexueller Gewalt in der Öffentlichkeit, ich bin Woche um Woche trotzdem mit dem Thema konfrontiert. 
Und wenn ich jetzt an den Gottesdienst denke, erschüttert mich als Bischof natürlich besonders, dass Menschen nicht nur unglaublich enttäuscht worden sind, verletzt worden sind in dem Vertrauen, das sie Vertrauenspersonen entgegengebracht haben, also dass menschliches Vertrauen missbraucht worden ist. Sondern dass auch vielen Menschen das Vertrauen in Gott massiv angeknackst oder sogar zerstört worden ist. Das ist ja das Verheerende sozusagen aus der Perspektive des Glaubens. Es gibt Menschen, denen hat der Glaube geholfen, auch über diese schlimme Gewalterfahrung hinwegzukommen, das irgendwie zu verarbeiten. Aber es gibt auch solche, die sagen, gerade da, wo es ein Vertreter der Kirche war, ein Priester war, das hat auch mein Gottesbild verdunkelt oder sogar zerstört. Und das zu hören, ist unfassbar. 

Jesus ist der Mensch für andere. 

Grundmann
In der heutigen Liturgie wird immer wieder die Formulierung gebraucht: Jesus ist für uns gestorben. Er hat für uns gelitten. Wie ist das zu denken? 

Bischof Ackermann
Wenn man versucht, einen menschlichen Vergleich zu ziehen, dann spüren wir ja, wie schwer das ist für uns Menschen, für jemand anderen etwas zu übernehmen. Natürlich, ich kann eine bestimmte Aufgabe für einen anderen übernehmen. Ich kann jemand anderem einen Gang abnehmen und sagen: "Das mache ich für dich. Ich geh' für dich dahin." Ich kann vielleicht auch für jemanden Prügel einstecken. Und sagen: Ich lass mich beschimpfen für jemand anderen, obwohl ich vielleicht sozusagen nicht der Betroffene bin. Aber trotzdem, bei uns Menschen gibt es ja eine Grenze. Ich kann mich nicht total weggeben. Nicht sozusagen alles teilen, dass ich mich selber verliere. Deshalb sprechen wir ja vom In-dividuum, es gibt irgendetwas letztlich Unteilbares in uns. Aber bei Jesus ist das anders. Er ist wirklich derjenige, der ganz für die anderen lebt. Das ist sein Wesen auch schon als Sohn Gottes. Das ist ja nach unserem Verständnis das Geheimnis Gottes, dass er Liebe ist, dass sich Gott an sich selber verschenkt innerlich. Und das setzt Jesus fort. Der Menschgewordene, er ist der Mensch für die anderen. Und all das, was auch Menschen leiden, was an Fragen da ist, bei ihm Platz hat, bei ihm geborgen ist. Das ist natürlich ein tiefes Geheimnis, weil - wie gesagt - wir Menschen selber diese Art von Offenheit selber - selbst beim besten Willen - nicht leisten könnten. 

In der Sensibilität der Liebe wachsen. 

Grundmann
Der Weg Jesu, der Weg der Liebe aber auch der Weg des Leidens. Wo ist denn da der Impuls für uns als Kirche? Was bedeutet das ganz konkret für uns in unserm Handeln? 

Bischof Ackermann
Für uns als Kirche, das heißt sowohl für die einzelnen Christen als auch für uns als Gemeinschaft würd' ich sagen, geht es darum, Liebe zu lernen. Ich wurde am Anfang meiner Zeit als Bischof mal gefragt: Was setzen Sie sich als Ziel des Lebens? Und da hab' ich gesagt: Ich wünsche mir eigentlich, ein liebender Mensch zu werden. Das hat bei manch einem Verwunderung hervorgerufen. Ja wie? Fängt der damit jetzt erst an oder wünscht der sich das? Aber ich glaube, das ist eigentlich das Ziel. Für uns als Einzelne und als Kirche in dieser Sensibilität der Liebe zu wachsen. Immer wieder neu uns davon auf der einen Seite beschenken und herausfordern zu lassen gegen alle Widerstände in uns. Wo uns die innere Stimme sagt: Komm, dann bist du auf der Seite der Verlierer, es hat doch keinen Zweck, das funktioniert ja doch nicht. Nein, immer wieder sich das sagen zu lassen. Das kann ich nicht allein, da brauch' ich die Gemeinschaft derjenigen, die sagen: Ich glaube auch daran.

Grundmann
Kirchliche Gemeinschaft, seit gut zwei Wochen haben wir einen neuen Papst. Weg der Liebe, Weg der Solidarität, was erwarten Sie, welche Impulse von dem neuen Papst in dieser Richtung? 

Den Blick öffnen für die Armen.

Bischof Ackermann
Dass er uns den Blick weitet über unsere europäische Wohlstandsgesellschaft hinaus, wo wir uns ja doch oft im Binnenraum drehen - auch kirchlich. Also den Blick zu öffnen für die Armen. Und ich meine nicht nur als Objekt, dass die Armen unsere Zuwendung brauchen, der reichen der westlichen Welt. Sondern in ihrer Situation, mit ihrer Sehnsucht, mit ihrer Hoffnung auf Gerechtigkeit, auf Gemeinschaft uns eine ganz starke Botschaft auch zu sagen haben. Und wer in die Länder des Südens kommt - ich hab' das selber in Afrika erleben dürfen - das verschlägt einem den Atem, mit wie viel Hoffnungskraft die Menschen dort leben, was uns ja oft abhanden geht.

 

 

 

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