Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Maria Meesters im Gespräch mit Dr. Elisabeth Schieffer, kath.Kirche

Schieffer WzF.JPG

Meesters:

Was bedeutet Weihnachten? Was bedeutet es für nachdenkliche Menschen? Für Menschen mit Lebenserfahrung, die durch schöne und schwere Zeiten gegangen sind? Was bleibt übrig, oder was schält sich heraus, wenn die Kinderseligkeit weg ist? Über diese Fragen spreche ich mit Dr. Elisabeth Schieffer, Pastoralreferentin in Freiburg. Wir haben vor 40 Jahren hier gemeinsam Theologie studiert. Elisabeth, Du hast damals bei Karl Lehmann, dem heutigen Bischof von Mainz die Doktorarbeit geschrieben und arbeitest nach verschiedenen anderen Stationen jetzt in der Cityseelsorge hier in Freiburg, bist also im Kontakt mit unterschiedlichsten Menschen, die längst nicht alle kirchlich gebunden sind. Was antwortest Du, wenn Du gefragt wirst: Was soll ich an Weihnachten eigentlich feiern?

 Schieffer:

Viele Menschen kommen im Moment zu den Gesprächen, die mit der Vorbereitung von Weihnachten beschäftigt sind und manchmal auch sich überfordert fühlen und die dann danach fragen: wie kann ich eigentlich durch all das hindurch, was so üblich ist im Vorfeld von Weihnachten, wie kann ich da eigentlich erfahren, worum es an Weihnachten geht? Und das finde ich schon einen ganz wichtigen Gedanken, den ich gerne aufgreife: dass wir uns nicht nur bestimmen lassen von dem, was uns vorgegeben wird, - ob das jetzt aus dem Bereich des Kommerzes ist oder der Familientradition oder meiner eigenen Wunschvorstellungen -, sondern dass wir uns wirklich durchfragen zu dem, was wir an Weihnachten feiern und was Weihnachten uns sagen will.  

Meesters:

Da suchen also Menschen auch ihren persönlichen Weg, ihre persönliche Form, Weihnachten zu feiern. 

Schieffer:

Ja. Jeder Mensch ist ja mit einem bestimmten Weihnachtsbild, einer bestimmten Weihnachts-erfahrung groß geworden. Und spätestens im Jugend- oder Erwachsenenalter kommt die Frage „Und wie will ich das feiern?" Manche Menschen sind immer wieder in der Situation gewesen, dass sie es gar nicht selber gestalten können, weil es so feste Vorstellungen gab bei ihrem Ehemann, oder ihrer Ehefrau, bei den Schwiegereltern und so weiter, und dann sind es mitunter Menschen, die im Alter allein sind, die sich fragen: Und wie will ich Weihnachten feiern?  

Meesters:

Die endlich die Möglichkeit haben, selber zu gestalten, und für die es durchaus eine Schwierigkeit ist.  

Schieffer:

Genau. Es ist eine Chance, und es ist eine Herausforderung, die sie im Moment auch unsicher macht. Im Gespräch bei uns spielt dann natürlich eine Rolle, ob sie in der Mitfeier der Gottesdienste für sich etwas finden was sie anspricht und trägt. Mir ist aber auch immer wichtig, dass die Dimension von Weihnachten im Miteinander gerade auch bei den Menschen eine Rolle spielt, die sonst alleine leben.
Und von daher auch die Frage - gibt es für sie Menschen, die sie zu sich einladen könnten, die vielleicht total überrascht sind, weil sie damit gar nicht gerechnet haben. Oder gibt es für sie die Möglichkeit, an diesen Tagen sich zu engagieren bei einem Angebot, wo Helfer gebraucht werden. Und wenn man das anstößt, dann tun sich plötzlich ganz andere Möglichkeiten auf und durchaus eine Überraschung: „Ach auf die Idee wäre ich gar nicht gekommen." 

Meesters:

Und wie ist es bei Menschen, denen darauf nun wirklich nichts einfällt, für die Weihnachten sehr stark mit Einsamkeit verbunden ist? 

Schieffer:

Die spüren ihre Einsamkeit an Weihnachten besonders deutlich. Aber es ist letztlich ja eine Einsamkeit, die das ganze Jahr über besteht und vielleicht nur übertüncht ist mit Aktivitäten, mit Unterwegs sein. So wie in Deutschland das Weihnachtsfest gefeiert wird, stellt es gerade die, die allein leben, oft sehr allein, weil alles wegfällt, womit man sich sonst beschäftigen kann. Die Lokale haben zumeist geschlossen. Familien bleiben unter sich. Die Nachbarn haben Gäste. Und es ist sehr schwer für Menschen, die ihre Einsamkeit das ganze Jahr über vielleicht gut tragen und ein wenig überspielen können, dass sie an diesem Abend, vor allen Dingen dem 24. damit konfrontiert sind. Wenn jemand auf gar keine Idee kommt, was er machen könnte, dann spreche ich ihn auch darauf an, ob es vielleicht eine Chance ist, sich der Problematik der Einsamkeit auch einmal zu stellen und sich zu fragen: Warum ist das so? Wie will ich damit in Zukunft umgehen? Muss das für mich auf die Dauer etwas sein, was nur Leiden bedeutet? Vielleicht kommt dabei etwas in Gang, was auf die Dauer dann nicht nur an Weihnachten in eine andere Situation führt, sondern auch unterm Jahr. Und dann wäre ja auch schon etwas von dem wahr geworden, was Weihnachten will.

 Meesters:

Und was will Weihnachten? 

Schieffer:

Ich denke, dass Weihnachten uns einerseits durchaus mit unserem ganz konkreten Leben konfrontiert, wie es sich gestaltet. In manchen Familien sogar besonders herb, weil die Familie längst nicht so viel zusammen ist, wie gerade an den Weihnachtsfeiertagen, und dann soll doch alles harmonisch sein, und dann ist es das gerade nicht. Also auf der einen Seite denke ich, dass Weihnachten uns zeigt, wie unser Leben ist, und wir andererseits, wenn wir uns der Botschaft von Weihnachten öffnen, die Erfahrung machen können: mitten in dem, wie mein Leben ist, bin ich nicht allein - wenn ich das zulassen kann, dass diese Botschaft an mich herankommt.

 Meesters:

Wenn ich Weihnachten erklären will, dann sage ich oft: „In Jesus ist Gott Mensch geworden, und das gibt uns Menschen unzerstörbare Würde". Das ist eigentlich ein einfacher Satz. Trotzdem habe ich immer wieder das Gefühl, dass ich ihn noch übersetzen muss.

 Schieffer:

Auf jeden Fall übersetzen! Weil, die Würde des Menschen ist eine Rede, die können wir sagen, aber ob ein Mensch sich wertgeschätzt erlebt, ob er spürt, dass er geliebt ist, ob er einen Sinn darin sieht, dass er auf dieser Welt ist, das spielt sich noch auf viel tieferen Ebenen ab, auch auf den Ebenen der Emotionen, der Frage nach der Sinnhaftigkeit, dem Wahrgenommenwerden von Menschen, und da gibt es bei vielen Menschen Defizite.

 Meesters:

Das würde bedeuten, zu Weihnachten gehört, dass es, ja, durch die Wirklichkeit eingeholt wird, wenn Menschen Weihnachten feiern wollen.

 Schieffer:

Ja. Für mich ist zunehmend im Laufe der Jahrzehnte deutlich geworden, wie sehr Weihnachten nicht eine Illusion ist, die wir mit Glanz und Gloria und Silberpapier und Lametta auf dem Tannenbaum jedes Jahr wieder feiern, um dann spätestens nach dem 6. Januar auf den harten Boden unserer Wirklichkeit zu fallen, sondern dass Weihnachten die Möglichkeit gibt, unser Leben zu sehen, wie es ist, und gleichzeitig in uns die Überzeugung wachsen zu lassen, dass dieses Leben nicht in meiner alleinigen Verantwortung steht, sondern dass es mir geschenkt ist und dass der, der es mir schenkt, mich in diesem Leben auch begleitet und dahin führen will, dass dieses Leben auch ein für mich sinnvolles Leben ist.

 Meesters:

Was ist denn für dich aus dem Studium geblieben oder hat sich weiterentwickelt in Bezug auf Weihnachten?

 Schieffer:

Na ja - als wir damals studiert haben, da war gerade der biblische Befund noch relativ neu für das allgemeine Bewusstsein, dass es mit der historischen Tatsache, dass Jesus in Betlehem geboren ist, nicht allzu weit her ist. Das hat mich damals natürlich ziemlich aufgeschreckt, und ich erlebe bis heute, dass Menschen darüber erschrecken. Und gleichzeitig hat es mich in einen viel weiteren und freieren Horizont geführt, weil ich erfahren habe, dass es in der Bibel nicht um historische Dokumentation geht, und wenn die nicht stimmt, dann stimmt auch die Bibel nicht; sondern dass es in der Bibel darum geht, dass Menschen ihre Erfahrung mit Jesus Christus und ihren Glauben an Jesus Christus in Bildern, in Geschichten darstellen und damit uns in die Hand geben, damit wir in unserem Leben die Begegnung mit ihm suchen.

 Meesters:

Hast du ein Lieblingsweihnachtslied?

 Schieffer:

Ja - eines was so eine Brücke zwischen Advent und Weihnacht ist. „Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern..." Weil ich wirklich denke, für manche ist diese heilige Nacht eine sehr dunkle Nacht. Und die Erfahrung zu machen, dass in dieser Nacht bereits der neue Tag anbricht, das wünsche ich jedem zu Weihnachten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14399