Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Sie haften fest in meinem Gedächtnis - die Bilder vom gewaltlosen Aufstand der Menschen in den letzten Tagen der ehemaligen DDR. Ich höre noch die Rufe tausender Demonstranten: Wir sind das Volk. Und ich denke daran, dass die Montagsdemonstrationen in Leipzig von Friedensgebeten ihren Ausgang genommen haben und Kirchen Orte waren, an denen frei gesprochen werden konnte und so etwas wie ein Vorgeschmack der ersehnten Freiheit erlebt wurde. Die Mauer fiel, und am 3. Oktober 1990 ist die DDR der Bundesrepublik Deutschland beigetreten, und die beiden getrennten Teile Deutschlands waren wieder vereinigt.
Wir sind das Volk. Oder auch: Wir sind ein einig Volk. Was bedeutet das heute nach über 20 Jahren? Zunächst: Wir sollten die Sehnsucht nach Freiheit der Menschen damals nicht vergessen! Sie wollten loskommen von der Gängelung durch den Staat, von Einschränkungen, die gewaltsam durchgesetzt wurden. Es war die Sehnsucht nach einer freiheitlichen demokratischen Ordnung mit dem Recht auf eigene Überzeugungen, auf freie Meinungsäußerung, auf Selbstbestimmung in der Gestaltung des Lebens. Freiheit, Recht, dem auch die Staatsmacht unterworfen ist, aber auch soziale Gerechtigkeit waren die Ziele, die die Menschen damals erreichen wollten - miteinander und im Bewusstsein, dass sie zusammengehören. Wir sollten es nicht vergessen und dankbar dafür sein, dass mit der Wiedervereinigung alle Deutschen in einem freiheitlichen Rechtsstaat leben können.
Danach kamen aber auch die Probleme - für Ostdeutsche und Westdeutsche. Verständlich ist, dass Menschen, die so lange in derart unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnissen gelebt haben, sich aneinander gewöhnen und erst lernen mussten, dass sie ein Volk sind. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass dieser Gewöhnungsprozess noch immer nicht abgeschlossen ist. Die Erfahrung, dass unsere Demokratie nicht vollkommen ist, dass es nicht immer gerecht zugeht, dass sinnvolle Lösungen gesellschaftlicher Probleme durch den Streit der Parteien nicht gelingen, hat enttäuscht und zu einer Distanz zu den Ordnungen in unserem Land geführt, nicht nur bei den Ostdeutschen, sondern auch im Westen. Hier spielt die Erfahrung eine Rolle, dass wichtige Entscheidungen, die alle angehen, nicht transparent werden und Beteiligung dadurch ausgeschlossen ist. Das hat im Westen wie im Osten Politikverdrossenheit zur Folge und führt nicht zuletzt zu einer gefährlich niedrigen Wahlbeteiligung auf allen Ebenen der Politik.
Was ist zu tun? Wir müssen akzeptieren, dass die Verhältnisse in unserem Land nicht vollkommen sind, aber doch wohl besser als je zuvor. Wir dürfen das bürgerschaftliche Engagement nicht aufgeben. Wir müssen von der Politik verlangen, dass sie informiert und Beteiligung ermöglicht. Vertrauen muss wieder entstehen, Vertrauen in unsere demokratische Ordnung, Vertrauen auch zwischen Regierenden und Regierten. Und was ist dabei die Rolle der Christen und der Kirchen? Sie müssen sich einmischen in die Politik und beharrlich danach fragen, was gerecht ist und was dem Frieden dient. Durch konstruktive Kritik können sie mithelfen, dass Gerechtigkeitslücken, wie sie z.B. der jüngste Armutsbericht offen gelegt hat, aufgegriffen und gerechtere Verhältnisse angestrebt werden. Christliche Politiker können durch Sachbezogenheit und einen fairen Umgang mit politischen Gegnern den Stil politischer Auseinandersetzungen positiv beeinflussen. Christen tragen so dazu bei, dass die Verantwortung für die Verhältnisse, in denen wir leben, nicht verloren geht und das Vertrauen in der Gesellschaft gestärkt wird. Sie halten wach, was vor über 20 Jahren die Menschen bewegt hat: die Sehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit in einem einigen Volk.

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