Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Maria Meesters im Gespräch mit Prof. Georg Langenhorst, Augsburg

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Meesters:
Ostermontag, und noch immer sind viele Fragen offen. Manche Fragen beantwortet das Neue Testament, und manche Spur zu Ostern findet sich auch bei den Dichtern. Ich habe einen Gesprächspartner, der viele dieser Spuren kennt. Prof. Georg Langenhorst ist katholischer Theologe und Germanist. Er war lange Religionslehrer und bildet heute an der Universität Augsburg Religionslehrer aus. Ein gewichtiger Schwerpunkt seiner Arbeit ist die zeitgenössische Literatur. Herr Langenhorst, wissen die Dichter mehr als die Bibel weiß? 

Langenhorst:
Das wäre spannend, wenn wir die Dichter nehmen könnten, um unsere Wissenslücken aus Bibel und Tradition auffüllen zu können. Nein das wissen sie natürlich nicht, aber sie sind hoch spannende Zeugen im Versuch, die Lücken unseres Wissens kreativ aufzufüllen. Wenn wir auf Ostern schauen, fällt ja eines in der Bibel absolut auf: Das zentrale Geschehen wird ausgespart. Erzählt wird alles bis zur Grablegung, und dann, wenige Zeilen später ist das Grab leer. Dass das Dazwischen nicht erzählt wird, dass die Auferweckung selbst nicht in Sprache versucht wird auszudrücken, das ist, glaube ich, eine bewusste Erzählstrategie des Neuen Testaments, d.h. das Neue Testament ermuntert uns, unsere Fantasie zu zügeln. Aber Menschen aller Zeiten haben natürlich versucht zu überlegen: Aber wie um Gottes Willen kann man sich denn das Dazwischen vorstellen. Wie ist Auferstehung denkbar?

 Meesters:
Und was gibt es da für Vorstellungen? Ich sehe, Sie haben einige Bücher mitgebracht.

 Langenhorst:
Wenn wir nach Textspuren suchen, die Ostern literarisch darstellen, werden wir nur sehr wenige, aber interessante Zeugnisse finden, d.h. Schriftsteller unserer Zeit tun sich genauso schwer wie Theologen, das Geheimnis von Ostern in Sprache zu kleiden.

 Meesters:
Das heißt, sie haben auch eine gewisse Scheu? 

Langenhorst:
Sie haben eine Scheu, die vielleicht auch gut ist. Ein zu schnelles Zugreifen verbietet sich. Ich möchte zunächst auf zwei Beispiele eingehen aus der erzählenden Literatur. Zwei der spannendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren versuchen Ostern literarisch darzustellen, und das sind nicht zufällig zwei Autoren, die sprachexperimentell arbeiten. Die erste ist Sybille Lewitscharoff, die in Ihrem Roman „ Consummatus", erschienen im Jahre 2006, eine wilde Fantasie entwickelt, ein freies Spiel von Gedanken und Assoziationen. Ein Lehrer geht an einem Samstag in der vorösterlichen Zeit in ein Lokal, und um ihn herum in diesem Lokal werden wir all den Seelen der Verstorbenen begegnen. Wie Sybille Lewitscharoff das schreibt, ist absolut faszinierend; reduzieren auf einen Inhalt, reduzieren auf eine Aussage kann man diesen Roman nicht. Das zweite Beispiel, das mir einfällt, ist der in Freiburg geborene Autor Patrick Roth. Der hat 2003 eine Trilogie herausgebracht unter dem Titel „Resurrection", also Auferweckung. Drei Christusnovellen, die im Kern genau um diese Frage kreisen: Wie kann man Auferweckung heute literarisch darstellen? Und er geht dazu historisch zurück in die Zeit Jesu. Er versucht, spielerisch, fantasievoll in der Zeit Jesu selbst das Rätsel von Auferweckung zu lösen. Aber auch hier: eine Auflösung in eine einfache Aussage ist unmöglich.

Meesters:
Das sind also Texte, die versuchen, Bilder zu finden für dieses Geschehen, das wir uns nicht vorstellen können. Eine andere Möglichkeit wäre ja auch, zu schauen, wo sind österliche Erfahrungen als Spuren da in zeitgenössischer Literatur? Erfahrungen von neuem Leben?

 Langenhorst:
Es gibt natürlich eine breite Literatur, die solche alltäglichen Erfahrungen als Auferweckungs-, als Neuanfangserfahrungen stilisiert. Die Frage für mich als Theologen ist: kann man das wirklich als österliche Erfahrung kennzeichnen? Sind das nicht eher Erfahrungen eines Aufbruchs, einer Wende im Leben, die natürlich für das Leben selbst eine große Bedeutung hat. Ich würde mich aber schwertun, das österliche Erfahrung zu nennen. Trotzdem, ein sehr berühmtes Beispiel aus der Literaturgeschichte versucht genau das: Tolstoi hat im Jahre 1899 einen seiner großen Romane vorgelegt, und der trägt den Titel „Auferstehung". Er erzählt tatsächlich, wie jemand sein Leben in Auseinandersetzung mit der christlichen Botschaft radikal ändert. Seine Auferstehung ist eine Veränderung des Lebens mitten im Leben selbst.

 Meesters:
Ein Element von Ostern sind ja sicher auch Handlungsimpulse. Wo finden sich Anregungen, Motivationen zu neuem Handeln, zu lebensförderndem Handeln in zeitgenössischer Literatur? 

Langenhorst:
Das ist eine Dimension, die Schriftsteller in der Form nicht im Blick haben. Natürlich befasst sich Literatur in großem Maße damit, wie man Leben verbessern kann, sein eigenes wie das Leben anderer. Aber das zusammen zu bringen mit der österlichen Botschaft, ist seltsamerweise nicht die Hauptidee, die Schriftsteller umtreibt. Bei Tolstoi etwa, seiner sozialhumanen Utopie - da finden wir diesen Gedanken noch. Aber wenn Schriftsteller des 20./21. Jahrhunderts nachdenken über das, was wohl Auferweckung bedeuten kann, dann sind sie nicht auf der Schiene einer sozialpolitischen, einer moralischen Idee.

 Meesters:
Sie sind mehr auf der Schiene der persönlichen Hoffnung?

 Langenhorst:
Persönliche Hoffnung, eine Vorstellung, die das Leben trägt, im Leben selbst und über die Grenze des Todes hinaus. Ich kann vielleicht noch ein weiteres Beispiel nennen, eines Autors, der jetzt in unserer Zeit schreibt. Andreas Knapp ist ein Mitte 50-jähriger katholischer Priester, der ganz einfach lebt als Arbeiterpriester in Leipzig und der seit 10 Jahren regelmäßig kleine unscheinbare Gedichtbände publiziert. Und er versucht dort, seine Erfahrung als Priester mitten im Arbeitsleben Leipzigs in Verse zu gießen. Im Werk von Andreas Knapp wird man immer wieder auf österliche Texte treffen, die bewusst einen im weitesten Sinne gläubigen oder suchenden Menschen ansprechen und versuchen, die christliche Botschaft nochmal neu zu formulieren, allerdings im Rahmen der Vorstellungen, die im Christentum entwickelt sind. 

Meesters:
Bringen Dichter auch an manchen Stellen Sand ins Getriebe klassischer österlicher Vorstellungen? 

Langenhorst:
Das haben sie früher getan. Wenn man auf heutige Autoren schaut, so ist diese Geste der atheistischen Ablehnung zu billig. Das lohnt sich nicht, wenn man in den breiten Strom einer Ablehnung des Religiösen hinein etwas noch zusätzlich schreibt, das scheint für Schriftsteller kaum noch interessant zu sein. Interessanter ist, gegen den Strom zu schwimmen, indem man Affirmation versucht, das ist die heutige Provokation. Zu sagen, dass alles egal ist, zu sagen, dass es keine letzten Hoffnungen und Perspektiven gibt, das ist Mainstream. Aber sich zu trauen, eine Hoffnung, wie immer verklausuliert und wie immer bildhaft auszudrücken, das ist das eigentlich Reizvolle, was die wenigen Schriftsteller reizt, die versuchen, Ostern sprachlich umzusetzen. 

Meesters:
Wer ist denn für Sie persönlich, der oder die Stärkste in diesem Zusammenhang? 

Langenhorst:

Das ist der im Saarland lebende, inzwischen fast 80-jährige Johannes Kühn. Johannes Kühn hat über 3000 Gedichte in seiner langen Werkgeschichte geschrieben, und ich möchte nur ganz kurz aus einem seiner Gedichte zitieren, 1995 veröffentlicht: 

Wenn du einträtest
Ins Land der Auferstandenen, was wär?
Man ist Licht, atmet Licht und bleibt Licht.
Kein Blitz ist da, vor dem einer flüchtet.
Am grünen Hang,
lehren dich Engel Himbeeren pflücken,
auch ohne Stacheln ist jeder Strauch.
Leicht wie Nebelhauch
Sind die Kessel,
Erbsensuppe jeden Tag
Und Pflaumenkuchen gibt es.
Wenn du die Antwort hast,
lächle wie ein Kind.
Es weiß, wie es ist,
Es weiß, wie es sein muss.

Die Frage am Anfang: ja wie wäre das, wenn man eintritt ins Land der Auferstandenen, einfach mal den Gedanken wagen: wie soll das sein, das Land des Jenseits, und dann eine liebenswert irdische Antwort und ein Hinweis darauf, dass Kinder vielleicht einen ganz anderen, einen unmittelbaren Zugang zu dem haben, was uns so komplizierten Erwachsenen verschlossen ist. Wenn du die Antwort hast, lächle wie ein Kind - es weiß, wie es ist.
Was ich an dem Gedicht schätze: dass es uns einfach ermuntert eine Gegenvision zu wagen. Gegen unsere Vernunft, gegen all unsere Zweifel, gegen all das, was wir ach so gut wissen. Aber Poesie ist vielleicht die Sprache, die uns einen Weg ebnet zu genau solchen Dimensionen. Wie kann man mit seiner Verstandes-, mit seiner Zweifelsgeschichte trotzdem ja sagen - in Treue zu seiner Biographie?

 Meesters:
Sie sind Theologe, sie kennen die moderne Literatur. Was sind für Sie österliche Erfahrungen, die Ihnen viel bedeuten? 

Langenhorst:
Das können Begegnungen sein. Das können geschenkte Gedanken, Erfahrungen, Erlebnisse sein, die ich nicht selbst mache, die auf mich zukommen. Das kann etwas Österliches sein. Aber ich glaube schon, dass das Christentum uns mit dem österlichen Gedanken eine Perspektive setzt, die noch über solche alltägliche Erfahrung hinausgeht. Das Besondere des Christentums liegt für mich darin, dass es einen unglaublichen Zuspruch an den Menschen in sich trägt. Nicht zuerst den Anspruch, da wären wir bei Philosophie, bei Moral, sondern ein Zuspruch, dass wir sein dürfen, so wie wir sind. Aus diesem Zuspruch wächst dann ein Anspruch, sein Leben moralisch zu gestalten. Aber die Größe des Zuspruchs liegt darin, zu sagen: dieser Zuspruch, die Zusage, dass wie so leben dürfen, wie wir sind, die macht an der Grenze des Todes nicht Halt. Sie geht über die Grenze des Todes hinaus. Das ist letztlich die österliche Zusage, die den Kern des Christentums ausmacht.

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