Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Steinmann:
Frau Corbo-Mesic, Sie haben Pädagogik studiert und sind islamische Religionspädagogin. Außerdem Mama von 2 Kinder als Muslima in Stuttgart. Wie haben Sie denn die Advents- und Weihnachtszeit begangen mit Ihren Kindern. Haben Sie auch gefeiert?
Emina Corbo-Mesic:[corbo_mesic.jpg]
Ja wir Muslime feiern in dem Sinne Weihnachten nicht. Es ist für uns aber dennoch eine besondere Zeit. Also neben Plätzchen und Lebkuchen spüren wir auch diese vorweihnachtliche Stimmung und neben der Weihnachtsfeier im Kindergarten begegnet uns dieses Weihnachtsgefühl überall. Wir feiern Weihnachten in dem Sinn nicht, aber stattdessen haben wir jetzt am 16. Dezember das islamische Neujahrsfest gefeiert.
Steinmann:
Ihr Sohn ist 4 Jahre alt, geht in die Kindertagesstätte. Ich vermute, der wird inzwischen ab und zu auch mal fragen: ‚ Was machen die denn da eigentlich. Wie erklären Sie ihm, wie bringen Sie ihm das nahe.
Corbo-Mesic:
Also er hat mich jetzt vor ein paar Tagen gefragt, ob wir auch Weihnachten feiern und er möchte das gern, dass wir das auch zu Hause feiern. Ich versuch das mit ihm zu besprechen, ihm zu erklären, dass wir andere Feiertage haben. Wir haben jetzt zB das Opferfest, das jetzt am 27. November war, mit dem Kindern gemeinsam im Kindergarten gefeiert, so dass die Kinder auch sehen, wir haben andere Feiertage und dass er auch sieht, dass wir unsere islamischen Feiertage auch im Kindergarten mit einbringen.
Steinmann:
Frau Rittberger-Klas; Sie sind evangelische Theologin und Pfarrerin. Sie haben auch 2 Kinder. Was haben Sie Ihren beiden mit Weihnachten versucht zu sagen?
Karoline Rittberger-Klas:[autoren/rittberger-klas.jpg]
Also, ich fände es schön, wenn unsere Kinder an Weihnachten etwas davon verstehen würden, dass unser Gott ein menschenfreundlicher Gott ist, dass es ein Gott, der uns ganz nah kommt, so nah, dass er sogar Mensch wird und dass er unser Leben mit uns teilt. Aber ich glaube, kleine Kinder verstehen das viel eher über die Stimmung, die in der Luft liegt oder darüber, dass wir in der Advents- und Weihnachtszeit versuche, andere zu beschenken, anderen eine Freude zu machen, andern auch zu helfen. Die eigentliche theologische Botschaft von Weihnachten, die ist nämlich, glaube ich, kleinen Kindern gar nicht so leicht zu vermitteln. Klar die Weihnachtsgeschichte, die ist schön für Kinder, mit dem Kinder in der Krippe, den Hirten, den Engeln. Ich glaube, meine Tochter, die ist jetzt 3, die versteht auch was davon, dass es etwas Besonderes ist, dass so ein besonderes Kind in so ärmlichen Verhältnissen auf die Welt kommt. Das beschäftigt sie. Aber wie dieses Jesuskind jetzt mit Gott zu tun hat, gleichzeitig sagt man ihr ja Sachen wie dass Gott uns immer hören kann, wenn wir mit ihm sprechen, dass er eben anders ist als Menschen, kein Mensch ist und gleichzeitig ist er Mensch, das findet sie glaube ich eher verwirrend.
Steinmann:
Was für eine Rolle spielt eigentlich Jesus, Frau Corbo-Mesic, im Koran?
Corbo-Mesic:
Er spielt eine wichtige Rolle, das ist auch das Thema, das ich mit den Kindern beispielsweise mit den Kindern im islamischen Religionsunterricht durchnehme. Sie bekommen Bibeltexte und Qur-antextstellen über die Geburt Jesu und wo sie dann Vergleiche ziehen können, Gemeinsamkeiten, Unterschiedeaufzeigen können und so wie auch teilweise zum ersten Mal erfahren, dass Jesus im Islam so wichtig ist. Also der Glaube an Jesus zählt zu den 6 wichtigen Glaubensartikeln und dass er einer der in der Reihenfolge vieler Propheten Gottes Botschaft weitergegeben hat.
Steinmann:
Wenn Sie jetzt mal dieses Bild, ‚Jesus ist ein Prophet in einer Reihe von Propheten’ als Christin aufnehmen, wo setzen Sie die Akzente anders?
Rittberger-Klas:
Natürlich ist Jesus auch – insofern haben wir da eine Übereinstimmung – jemand, der uns die Botschaft von Gott gebracht hat. Aber er ist eben auch doch noch mehr als ein Prophet für uns Christen. Er ist ja Gott selbst. Für mich ist da schon auch die zentrale Botschaft von Weihnachten, dass Gott selbst Mensch wird. Ich finde das sehr schön ausgedrückt in einer Bibelstelle, da schreibt an die Korinther über Jesus: „Obwohl er reich ist, wurde er doch arm um Euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet“. Also Gott macht sich selber arm, er sucht unsere Nähe so sehr, dass er seine ganze Macht aufgibt, weil er eben uns ermutigen und ermächtigen will. Und dazu muss man schon dazusagen, dass Jesus Gottes Sohn ist.
Steinmann:
Ein Prophet ist jemand, der eine Botschaft übermittelt und im Christentum ist Jesus eigentlich das vollkommene Medium Gottes, die dichteste Art und Weise wie wir Gott überhaupt als Menschen auf Erde erfahren können. Das ist sicher eine Ausdrucksweise, eine Vorstellung, ein Glaubensinhalt, den Sie Frau Corbo-Mesic so nicht mitgehen können. Was ist für Sie das vollkommen Medium Gottes?
Corbo-Mesic:
Ja, dieser Punkt ist auch der wesentliche Unterschied im interreligiösen Dialog zwischen Islam und Christentum. Bei uns steht explizit in Bezug auf Jesus im Qur-an, dass er selber auch von sich sagt – und dass ist einfach von Gott so festgehalten würden – dass er nicht Gottes Sohn ist. Da gibt es eine ganz strikte Grenze im Islam. Dass er ein wichtiger Prophet unter den Propheten, auch einer der auserwähltesten. Jedoch nicht Gottes Sohn. Was jetzt bei uns als Medium Gottes dasteht, oder was man vergleichen könnte mit Jesus ist eigentlich der Qur-an und verknüpft damit natürlich Mohammed. Der ein wichtiger Prophet ist, der vollkommenste Mensch in unserem Glauben, ein wichtiges Vorbild, aber hat eben nicht dieses Position des Mittlers zwischen den Menschen. Die Lebendigkeit Gottes wird eigentlich durch den Qur-an ausgedrückt und gleichzeitig ist der Prophet Mohammed die Praxis dieses Qur-an.
Steinmann:
Das bedeutet fast so etwas wie ein doppeltes Medium, das sich gegenseitig ergänzt?
Corbo-Mesic:
Ergänzt nicht. Also wir glauben, dass der Qur-an Mohammed über Engel von Gott offenbart wurde und er selber wurde durch ihn nicht verändert. Er hat es einfach nur weitergegeben.
Rittberger-Klas:
Das ist aber dann wahrscheinlich nicht so einfach mit diesem Buch umzugehen, wenn es so eine direkte Offenbarung ist, die soszusagen dem gleich kommt, was bei uns Jesus ist. Ist nicht so einfach, oder?
Corbo-Mesic:
Ja, das macht die Schwierigkeit aus, des Umgangs mit dem Qur-an. Es gibt Muslime, sie sehen den Text so heilig, dass sie auch kaum Interpretationsmöglichkeiten zulassen, bzw.
sehr große Berührungsängste haben mit Umgang mit dem Qur-an. Andere wiederum sagen, das hat auch die Lebenspraxis der ersten Muslime gezeigt, dass der Qur-an auch als Heiliges Buch relativ flexibel ist, bzw. das zeichnet ihn aus, dass er für alle Zeiten, alle Orte anwendbar ist.

Steinmann:
Wobei das ja natürlich bei dem zentralen Medium des Christentums durchaus auch problematisch ist. Also mit dem jesus umzugehen, ihn zu verstehen, da gibt es auch innerhalb der Christenheit große, große Unterschiede.
Rittberger-Klas:
Auf jeden Fall und ich meine, wir haben ja auch die Bibel als Buch, auch geht es sehr weit auseinander wie viel Spielraum man da hat in der Interpretation und wo man sich doch an den Text einfach halten muss und damit umgehen muss. Ich denke für mich ist im Umgang mit der Bibel es eben wichtig, dass Jesus das Kriterium ist, nach dem man auch die biblischen Aussagen beurteilen kann und muss. Er sozusagen das Maß ist, mit dem man mit den biblischen Texten umgeht.
Corbo-Mesic:
Da sehe ich aber eine Gemeinsamkeit, dass die Bibel sich durch Jesus erklären lässt.
Das ist im Islam eigentlich sehr ähnlich. Wenn man jetzt etwas wissen möchte, nimmt man zuerst den Qur-an hinzu, wenn man daraus aber nichts Genaues lesen kann, dann nimmt man das Leben des Propheten. Beispielsweise, ich sage jett ein Thema: Der Prophet ging liebevoll mit Kindern um, mit seinen Familienangehörigen und dann kann es nicht sein, dass man im Qur-an etwas Gegenteiliges findet. Dh der Prophet Mohammed erklärt auch den Qur-an, seine Lebensweise, sein ganzes Leben ist eigentlich die lebende Version des Qur-an.
Steinmann:
Eine Schlussfrage interessiert mich vor allen Dingen noch: Ihre beiden Kinder gehen hier in Stuttgart in Kindergärten, in denen christliche, muslimische, säkular geprägte Kinder miteinander da sind und es hat sich da so eine Praxis entwickelt, dass man dann mit religiösen Festen, Weihnachten, auch muslimischen religiösen Festen eher zurückhaltend umgeht. Wir sehen Sie das, würden Sie sich wünschen, dass in solchen Kindergärten trotzdem, oder vielleicht sogar gerade deswegen, religiös gefeiert wird und ie könnte das aussehen.
Rittberger-Klas:
Ja ich finde es sehr wichtig, dass religiöse Feste auch im Kindergarten thematisiert werden und auch gemeinsam gefeiert werden. Ich glaube, dass man nämlich nur dann dialogfähig wird, auch mit anderen Religionen, mit anderen Überzeugungen, wenn man
a) in seine eigene Tradition hineinwachsen kann, davon möglichst viel weiß und das auch emotional nachvollziehen kann und
b) gleichzeitig aber auch möglichst mit anderen Traditionen in Berührung kommt und auch da eben: Kinder lernen über den Vollzug, nicht nur über das was sie vom Kopf her wissen und verstehen. Und ich meine, wenn meine Tochter im Kindergarten lernt, wie und vor allem auch warum Muslime das Zuckerfest oder das opferfest feiern. Warum nicht, ich finde das gut.

Corbo-Mesic:
Ja, ich finde das auch sehr wichtig, dass alle Feste im Kindergarten thematisiert werden.
Da fällt mir ein Vers ein aus dem Qur-an. „Dass Gott uns erschaffen hat zu vreschiedenen Völkern, damit wir uns kennen lernen.“ (Sure 49). Und man kann sich am besten kennen lernen, indem man gemeinsam feiert, gemeinsam etwas unternimmt oder sich auch gegenseitig die Bräuche oder Sitten vorstellt und das einfach miteinander erlebt. Ich finde es einfach eine Bereicherung, dass mein Sohn auch die Feiern oder Feste anderer Religionen kennen lernt.

Steinmann:
Dann wollen wir hoffen, dass es in 2010 für Ihre Kinder in ihren jeweiligen Kindertagesstätten so sei, dass sie Weihnachten und das Neujahrsfest miteinander feiern können. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7409