Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Ein Gespräch mit der Theologin und Clownin Gisela Matthiae

Rittberger-Klas: Ostern ist ein fröhliches Fest. In den Süßwarenabteilungen und Blumenläden zumindest ist das eindeutig zu sehen. In der Kirche allerdings, die ja ursprünglich für Ostern zuständig ist, bin ich mir da manchmal nicht so sicher. Ich spreche deshalb heute mit Gisela Matthiae. Sie ist sozusagen Expertin für Fröhlichkeit und Humor in der Kirche. Sie ist nämlich nicht nur promovierte Theologin und Pfarrerin, sondern auch professionelle Clownin. Frau Matthiae, können Sie sich an einen richtig fröhlichen Ostergottesdienst erinnern?

Matthiae: Ehrlich gesagt nicht so wirklich…. [lacht]

Rittberger-Klas: Vielleicht ist es ja auch nicht einfach, Ostergottesdienste fröhlich zu gestalten, denn an Ostern geht es ja tatsächlich um Leben und Tod – und das ist eben nicht lustig…

Matthiae: Ja, Tod und Leben sind für mich – und ich glaube, auch für alle Menschen – dicht beieinander. Aber ich glaube, worauf wir uns mehr besinnen könnten, ist, dass Ostern tatsächlich das Fest der Auferstehung ist, das Fest des Lebens, das stärker ist als der Tod. Und ich frage mich schon, warum wir das nicht stärker feiern können, warum uns das nicht bewusster wird in unseren Gottesdiensten an Ostern und zwar „mit allen Sinnen“.

 

Rittberger-Klas: Ihr jüngstes Buch heißt: „Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen“. Ich glaube, viele Menschen würden genau das Gegenteil sagen, aus Erfahrung aus dem eigenen Umfeld, aber auch im globalen Kontext…

Matthiae: „Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen“, das ist ein Lutherzitat, er soll das mal in einer Tischrede gesagt haben. Ich beschäftige mich ja seit vielen Jahren schon mit Humor, und eine der wichtigsten Beschreibungen für Humor lautet für mich so: Ich nehme das Leben und mich selbst und die Situation, in der ich stecke, und auch die Situationen, in denen wir alle stecken, ernst – Humor ist nicht unernst, sondern Humor nimmt all das ernst – und jetzt kommt das Besondere: Humor nimmt es nicht zu ernst. Das ist das Entscheidende. Also ein Einspruch dagegen, dass das, was uns bedrückt, was uns beschwert, was wirklich, wirklich schlimm ist in dieser Welt… diesem nicht das letzte Wort zu überlassen. Sondern da noch einen Spielraum, noch Möglichkeiten zu finden zu agieren und sich zu verhalten. Und genau das ist für mich die beste Verbindung hin zum Glauben, weil auch der Glaube das tut. Der Glaube will sich nicht damit abfinden – und das feiern wir ja an Ostern – dass mit dem Tod Jesu alles vorbei sei, sondern der Glaube weiß: Es geht weiter. Und da sind allein von der Haltung der Welt und sich selbst gegenüber große Ähnlichkeiten zwischen der Haltung des Humors und dem Glauben.

Rittberger-Klas: Weil der Glaube auch dazu anregt, die Dinge nicht zu ernst zu nehmen, zu sagen: Es gibt noch etwas über das hinaus, was wir erleben und sehen…

Matthiae: Ja, weil der Glaube auch weiß: Obwohl es nicht so aussieht – das Reich Gottes ist mitten unter uns. Weil wir im Glauben auch wissen, dass wir an das Menschliche in uns weiter glauben dürfen. Gott ist selber Mensch geworden, um uns das noch einmal deutlich zu machen. Also, es ist eigentlich sogar eine kämpferische Haltung, eine trotzige Haltung, ein Haltung, die dem Leben – und sei es noch so schlimm – noch andere Möglichkeiten abtrotzen will. Und da bin ich auch schnell wieder beim Humor. Es gibt diesen Ausspruch: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Da steckt genau etwas von diesem Trotz dahinter.

Rittberger-Klas: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist also Humor ein zentraler Bestandteil vom christlichen Menschenbild, vom christlichen Gottesbild vielleicht sogar.. Ist die Bibel auch lustig?

Matthiae: Es gibt so einen Witz: Der Pfarrer bringt dem Kranken, der sich ein Bein gebrochen hat, Wilhelm Busch zum Lesen. Und der Kranke bringt das Buch wieder zurück und der Pfarrer fragt: „Hat es ihnen denn gefallen?“ „Och ja“, sagt der Kranke, „also, wenn ich nicht gewusst hätte, dass es sich um die Bibel handelt, ich hätte schon ganz schön lachen können.“ Also, das zeigt doch, wenn es um die Bibel geht, dann denkt man in der Regel: Sehr ernst, sehr gewichtig, da darf auf keinen Fall gelacht werde. Aber ich finde, gerade wenn ich auf der textlichen Ebene schaue, wie die Geschichten erzählt werden in der Bibel, wie mit Namen Späße gemacht werden, dann steckt da sehr viel Sprachwitz in der Bibel, und auch Situationskomik und Schlagfertigkeit – also lauter Dinge, die mit dem Humor, mit der Haltung des Humors verwandt sind.

Rittberger-Klas:Können Sie da ein Beispiel nennen?

Matthiae: Zum Beispiel als Jesus gefragt wird, ob man Steuern zahlen soll. Und auf dieser Münze war ja das Abbild des Kaisers, und die Münze wird ihm hingehalten und er sagt: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Und weist es sozusagen wieder zurück. Und das finde ich sehr schlau und schlagfertig in dieser Situation, das ist genial – das war ja eine Fangfrage! Und jetzt stelle ich mir immer vor, dass diese Geschichten ja zuerst erzählt wurden, und ich kann es mir nicht anders denken, als dass die Leute geschmunzelt haben oder gekichert oder hinter vorgehaltener Hand sich gefreut haben. Es ist bei dieser Geschichte ähnlich wie bei den Flüsterwitzen, die man sich erzählt in Diktaturen oder in Situationen, in denen es nicht opportun ist, überhaupt Witze zu machen. Und da gibt es dann diesen feinen Spott von unter, mit dem man versucht, noch Subjekt zu bleiben, noch ein bisschen Herr und Frau der Lage zu bleiben.

Rittberger-Klas: Suberversiver Humor…

Matthiae: Ja, sehr subversiver Humor!

Rittberger-Klas: „Clownin Gott“ haben Sie Ihre Dissertation genannt. Das ist ein provokanter Titel. Gott ist eine Frau und ein Clown – wenn man so will ist das eine Art Karikatur des klassischen Gottesbildes....

Matthiae: Ich mache mich nicht lustig über Gott, wenn ich von Clownin Gott spreche – Clownin Gott ist auch ein Widerspruch gegen zu theistische Gottesvorstellungen, also Vorstellungen, die Gott nur im Jenseits, allmächtig, groß und stark beschreiben. Ich wollte mit Clownin Gott sehr stark unser trinitarisches Gottesbild wieder beleben und habe mich zunächst orientiert an Jesus, der ein ungewöhnliches Leben gelebt hat am Rande der Gesellschaft, so wie es übrigens auch alle Clowns immer schon getan haben: Sie reflektieren die gesellschaftliche Situation vom Rand auf die Mitte, sie handeln ungewöhnlich, verblüffend. Und es gibt ja aus der frühen Geschichte des Christentums schon Karikaturen, die Jesus zeigen als einen gekreuzigten Esel, also man hat sich schon lustig gemacht über die Christen, weil sie an einen so merkwürdigen Gott glauben. An einen Gott, der nicht nur Mensch wurde, sondern als Mensch wirklich den letzten Weg gegangen ist bis in den Tod und auch noch in diesen brutalen Foltertod.

 Rittberger-Klas: Sie machen sich ja nicht nur theoretisch Gedanken über den Zusammenhang zwischen Humor und dem christlichen Glauben, sondern Sie treten selber auch als Clownin auf und Sie bilden auch Clowns aus. Und diese Clowns, die sie ausbilden, treten in Gottesdiensten auf, aber auch in Pflegeeinrichtungen, in Diakonischen Einrichtungen, in Krankenhäusern. Ich glaube, dass das vielen Patientinnen und Bewohnern dort sehr gut tun kann. Aber ist es nicht auch so, dass das Clowneske an Grenzen stößt in bestimmten existenziellen Situationen?

Matthiae: Bei unseren Ausbildungen speziell für Clowns im Altenheim ist es uns sehr wichtig, alle Antennen auszufahren, die wir nur so haben. Also wir sind eng im Kontakt zu den Menschen und wir müssen genau spüren, wo wir willkommen sind und wo wir nicht willkommen sind. Also, man darf sich das nicht so vorstellen wie einen Zirkusclown. Ich denke eher so in Richtung „komischer Figur“, in Richtung Figur, die das eigene Scheitern, das eigene Nichtwissen, die eigenen Schwächen die Peinlichkeiten, die wir ja alle kennen, die wir alle mit uns rumtragen und gerne hinter Fassaden verstecken… aber Clown tun das eben nicht!  Also in die Richtung denke ich. Und dann freuen sich die Menschen, wenn sie so eine Person sehen, die strahlt, die freundlich ist, die Kontakt aufnimmt. Und gerade im Altenheim wird sehr viel gesungen. Da kommt die Clownin zur Tür hinein und singt ganz zaghaft „Horch, was kommt von draußen rein“ – und dann merkt sie sofort, ist sie willkommen oder ist sie nicht willkommen. Bei Demenzkranken braucht man noch ein viel feineres Gespür, aber gerade da ist die Clownerie ganz wunderbar, weil wir da ja mit Emotionen arbeiten, mit der Körpersprache. Und da sind wir genau bei den Menschen – und bei dem Menschlichen oder allzu Menschlichen.

 

Wenn Sie mehr von Dr Gisela Matthiae wissen und lesen wollen:
Ihr letztes Buch ist noch im Buchhandel erhältlich:

Matthiae, Gisela, Wo der Glaube ist, da ist auch Lachen.
Mit Clownerie zur Glaubensfreude, Kreuz-Verlag 2013

http://www.clownin.de/bilder/buch_Matthiae.jpg

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19542

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