Manuskripte

SWR2 Zum Feiertag

Karoline Rittberger-Klas im Gespräch mit Prof. Birgit Weyel, Tübingen

Rittberger-Klas: Heute, an Allerheiligen, sind viele Friedhöfe so gut besucht wie sonst selten im Jahr. Frau Professor Weyel, Sie sind evangelische Theologin, lehren Praktische Theologie an der Universität Tübingen - ist der Feiertag Allerheiligen für Sie auch ein Anlass, auf den Friedhof zu gehen?

Weyel: Allerheiligen ist für mich weniger ein Anlass, es ist für mich eher die Zeit am Ende des Kirchenjahres, Ewigkeitssonntag - das wäre für mich ein Sonntag, wo diese Thematik Tod und Trauer im Vordergrund steht.

Rittberger: Da gibt es Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Trauerkultur. Aber im November stehen diese Themen im Raum - Themen, die in unserer Gesellschaft immer noch gerne an den Rand gedrängt werden. Aber ich habe den Eindruck, in den letzten Jahren gibt es doch eine Tendenz, das Thema wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken - weil einfach deutlich ist, wie wichtig eine gute Trauerkultur für Menschen ist. Teilen Sie diesen Eindruck?

Weyel: Teils, teils. Was man wirklich sagen kann, ist, dass es so etwas wie eine „Verdrängung der Verdrängung" des Todes gibt. Das ist aber noch einmal etwas anderes als wenn wirklich der Tod enttabuisiert wäre. Verdrängung der Verdrängung des Todes heißt im Grunde, dass wir - in den Medien beispielsweise und in vielen anderen Bereichen auch - durchaus eine Auseinandersetzung mit dem Tod haben, aber eine doch sehr von Ambivalenzen geprägte. Also es gilt auch nach wie vor, dass wir es mit Verdrängung zu tun haben. Schwierig ist, glaube ich vielfach, dass Menschen, die Zeit brauchen, um über einen verstorbenen Angehörigen zu trauern, dass denen oft wenig Zeit gelassen wird. Dass ist das persönliche Umfeld, - dass sich da einfach Erwartungshaltungen aufdrängen, die dahinzielen, dass die Menschen wieder schneller ins „normale" Leben zurückkehren und sich nicht so viel Zeit für die Trauer nehmen.

Rittberger-Klas: Die Bestattungs- und Trauerkultur ist in den vergangenen Jahren in Deutschland deutlich vielseitiger geworden - das hat mit dem Einfluss anderer Kulturen und Religionen zu tun, aber den sehr individuellen Wünschen und Bedürfnisse von vielen Trauernden. Würden Sie sagen, das ist ein Fortschritt - oder gehen da auch Traditionen verloren?

Weyel: Was ich sehr positiv bewerte, ist, dass sich Menschen Gedanken machen, welches Begräbnis sie wollen für sich und für ihre Angehörigen, und dass Menschen auch darüber ins Gespräch kommen. Der Wille zur aktiven Mitgestaltung ist ganz deutlich erkennbar und das finde ich grundsätzlich positiv. Schwierig ist es da, wo es eine Tendenz zur Anonymisierung gibt, wo etwa Kinder und Eltern nicht darüber sprechen, welches Begräbnis man sich wünscht und vorstellt. Dass dann ältere Menschen ein anonymes Urnengrab für sich selber planen, aus vorlaufender, vermeintlicher Rücksichtnahme auf ihre Kinder, um keine Mühe zu machen mit der Grabgestaltung. Und das kann dann vielfach schwierig sein, weil die Kinder durchaus etwas anderes wünschen, weil sie einen Ort wollen, wo sie trauern können. Und wenn so etwas entsteht, dann sind da sicher Traditionsabbrüche im Hintergrund, aber häufig entsteht das eigentliche Problem dadurch, dass man nicht miteinander redet.

Rittberger-Klas: Unter den vielen Möglichkeiten und Formen, die es da gibt - was macht für Sie das spezifisch christliche einer Bestattung aus?

Weyel: Dass in der Bestattung ein Trost deutlich erkennbar ist, ein Trost für die Angehörigen, das ist aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Punkt bei der Bestattung. Dann noch mal ausdrücklich explizit christlicher Trost dadurch, dass es auch eine Auferstehung der Toten gibt, die da auch verkündigt wird.

Rittberger-Klas: Neben den Inhalten - gibt es auch Formen, von denen Sie sagen: Das ist einer christlichen Bestattung angemessen oder das ist eben nicht angemessen, das passt nicht dazu?

Weyel: Es ist überhaupt, denke ich, schwierig, Form und Inhalt voneinander zu trennen. Die Inhalte erschließen sich eigentlich auch nur in bestimmten Formen. Problematisch finde ich solche Bestattungsformen, die sehr stark die Bestattung und den Verstorbenen in den privaten Raum rücken. Das ist in Deutschland zwar verboten, in Deutschland herrscht ja der Friedhofszwang - dass man die Verstorbenen nicht mit nach Hause nimmt in einer Urne im Wohnzimmerschank - aber in anderen Ländern gibt es das tendenziell und es gibt auch Möglichkeiten, hier das Gesetz zu umgehen. Und das finde ich sehr schwierig, solche Privatisierungen, wo Menschen vielleicht auch gar nicht wissen, was sie sich selbst antun, wenn sie keinen öffentlichen Raum haben, wo sie hingehen können, wo sie dann aber auch wieder weggehen können. Das ist einmal im Hinblick auf den Trauerprozess ein Problem. Schwierig finde ich aber auch solche Formen, die mit einer starken Anonymisierung einhergehen - also Rasengräber, wo gar kein Namensschild zu finden ist. Das finde ich sehr schwierig, weil - der Tod hat ja die Tendenz, den Einzelnen zu nivellieren, ihn zu anonymisieren. Und da muss die Trauerkultur, gerade die christliche, auch etwas dagegensetzen und das einzelne, individuelle Leben würdigen. Und dazu gehört für mich dann auch, dass ein Name erkennbar ist, wer da liegt.

Rittberger-Klas: Eine andere Form, wo die Kirche auch anfangs sehr kritisch war, ist die Form des Friedwaldes - was sehen Sie da für Schwierigkeiten?

Weyel: Eine Überlegung, die sich für manche vielleicht gar noch nicht so aufdrängt, wenn sie auf diese Bestattungsform zugehen, ist, dass die Wege oft sehr schwer zugänglich sind. Also wie ist das, wenn man im Winter auf einen Rollator angewiesen ist und dann das Bedürfnis hat, an das Grab zu gehen, den Baum aufzusuchen. Und dann ist es natürlich für die christliche Auferstehungshoffnung nicht ganz so einfach, im Wald, an der Wurzel eines Baumes über evangelische, über christliche Todesvorstellungen zu sprechen, denn der Raum, die ganze Atmosphäre im Friedwald legt natürlich so etwas nahe wie einen ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen.

Rittberger-Klas: Und das ist nicht die christliche Vorstellung...

Weyel: Nein, die christliche Vorstellung zielt ja letztlich auch auf eine Auferstehung des Fleisches, also dass der ganze Mensch neu geschaffen wird. Wie man sich das vorzustellen hat, darüber kann man sicher auch nur Bilder entwerfen, aber dass der ganze Mensch stirbt, aber auch der ganze Mensch von Gott wieder auferweckt werden wird, das ist aus meiner Sicht der Kern der christlichen Botschaft. Und diese naturförmige Bestattungsform hat da starke Tendenzen, einfach andere Assoziationen nahe zu legen.

Rittberger-Klas: An ihrem Lehrstuhl haben Sie sich in letzter Zeit in einem Forschungsprojekt mit den Bestattungspredigten von Pfarrerinnen und Pfarrern auseinandergesetzt. Die Studie ist gerade abgeschlossen. Fällt es Pfarrerinnen und Pfarrern heute schwerer als früher eine Auferstehungshoffnung zu verkündigen?

Weyel: Eine große Herausforderung ist es sicher, immer wieder neu Worte zu finden, Worte, die neue Vorstellungen aufnehmen, die im Zusammenhang mit der christlichen Tradition stehen, die aber auch von den Menschen nicht nur formelhaft gehört werden, sondern wo sie auch ihre eigenen Assoziationen und Imaginationen damit verbinden können. Stark sind für mich die Bilder, die mit der Biographie des Verstorbenen verbunden werden - also wenn das ein Bild ist, das genau für diese Person gut passt und vielleicht für andere nicht passen würde.

Rittberger-Klas: Wenn Sie sich Gedanken über Ihre eigene Bestattung machen, was wäre für Sie da ein tröstlicher Gedanke?

Weyel: DerTrost liegt für mich vor allem in der Auferstehungshoffnung - und das wäre für mich wichtig, dass das auch am Grabe deutlich wird. Ich könnte mir für verschiedene Bestattungsformen vorstellen, aber ich denke mir, das ist vor allem Sache der Angehörigen. Was mir wichtig wäre ist, dass auch Ambivalenzen zur Sprache kommen, also dass es nicht zu sehr in eine Auferstehungsgewissheit mündet, sondern dass auch Trauer und Klage zur Sprache kommen können, auch die Sinnlosigkeit und das Grauen, das der Tod bedeutet. Es gibt manchmal Beerdigungen, wo ganz laut und stark „Lobe den Herren" gesungen wird. Ich könnte mir das Lied sehr gut vorstellen bei meiner Beerdigung - aber es sollten dann auch andere Töne angeschlagen werden.

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