Manuskripte

SWR4 Abendgedanken RP

Mehr als eine viertel Million Jugendliche feiern um Ostern ihre Konfirmation.
Ein Fest mit einer über 460-jährigen Tradition,auch heute noch ein großer Tag für die 13- bis 14-Jährigen.
Die Konfirmation gehört zu den gefragtesten Amtshandlungen der evangelischen Kirche.
Offenbar bringt sie denen etwas, die sich konfirmieren lassen.

Aber was ist das?

Konfirmation: ist das heute eher nur Konvention und Konsumfeier oder eine Sache mit Tiefgang?!

Teil I

Heute über die Konfirmation,
die in den Wochen vor Ostern in vielen Kirchengemeinden unserer Region vorbereitet wird.

Kennen Sie den?

Zwei Pfarrer unterhalten sich über die Fledermäuse, die sich im Kirchturm eingenistet haben.
Wie man die schnell und sicher wieder rausbekommt.
Und da sagt der eine:
Ich habe ein Super-Rezept dafür.
Ich habe die Fledermäuse getauft,
und danach habe ich sie konfirmiert.
Und weg waren sie.


Ein Witz, der nicht nur unter Pfarrern kursiert.

„Ich geh zum Konfirmandenunterricht,
damit ich am Ende die Geschenke und das Geld kriege.“,
das sagen Jugendliche inzwischen manchmal ganz offen.
Omas und Opas sind geschockt,
Eltern halten sich etwas heraus und sagen:
Das musst du selbst wissen,
es ist deine Entscheidung, ob du dich konfirmieren lässt.
Andere winken ab und haben’s ja schon immer gewusst.

Aber die Konfirmanden sind offener als viele glauben.
Das ist meine Erfahrung als Gemeindepfarrer über die Jahre hin.

Konfirmation nur der Kohle wegen?!
Man muss aufpassen, dass man nicht auf ein Klischee hereinfällt.
Die Wahrheit ist, wie immer, vielschichtiger.
Viele Jugendliche sind nämlich durchaus interessiert an der Religion.
Doch sie finden, wie die meisten Erwachsenen auch, nur schwer Worte dafür. Hinzu kommt:
Mit 13, 14 Jahren ist vieles im Umbruch begriffen.
Der geht bei einigen rascher, bei anderen langsamer.
Die Hormone spielen verrückt:
aus Kindern werden Erwachsene,
körperlich wie auch im Glauben.
Und auch das Bild vom „lieben Gott“ wandelt sich in dieser Zeit sehr.
Da schützt man sich,
indem man „cool“ bleibt und eben nicht das Innerste nach außen kehrt,
redet lieber von tollen Geschenken und Geld
als von sich selber und dem, was einem wirklich berührt.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Zeit der Pubertät.
Sofern Sie damals konfirmiert wurden,
wissen Sie noch, warum Sie dabei waren?

Ich vermute, dass Sie schon eine Weile nachdenken müssen,
um sich heute an das Motiv von damals zu erinnern.

Ich habe mich damals konfirmieren lassen,
- es war im Jahre 1968 -
weil es alle gemacht haben, natürlich.
Aber auch, weil ich es selbst wollte
und das starke Bedürfnis verspürte, mit Gott in Kontakt zu kommen,
was auch immer ich mir als 14-Jähriger darunter vorgestellt habe.
In dieser Zeit habe ich oft heimlich gebetet,
habe versucht, das, was mich bewegt hat, Gott irgendwie mitzuteilen.
Und bin gerne mit meiner Oma, die eine tiefgläubige Frau war, in die Kirche gegangen.
Aber davon erzählt habe ich damals nie jemandem etwas,
schon gar nicht im Unterricht.
Da haben wir die vorgefertigten Antworten des Katechismus gepaukt
und ein bisschen Kirchengeschichte gelernt.

Offen miteinander über das zu sprechen, woran man glaubt
oder auch über die Dinge, die man anzweifelt,
dazu braucht man eine vertrauensvolle Atmosphäre.
Die entsteht manchmal, manchmal aber auch nicht.
Das hängt von der Konfirmandengruppe ab, in die man geraten ist,
auch von der Situation, in der die Jugendlichen daheim in der Familie leben.
Und natürlich auch von der Person des Pfarrers.
Das war früher nicht anders als heute.

Albert Schweitzer erzählt in seinen Lebenserinnerungen (Aus meiner Kindheit und Jugend, 1924):
„Für den Konfirmandenunterricht wurde ich zum alten Pfarrer Wennagel getan. Ich hatte große Ehrfurcht vor ihm. Aber auch ihm gegenüber verschloss ich mich. Ich war ein fleißiger Konfirmandenschüler. Nie jedoch hat der gute Pfarrer geahnt, was mein Herz bewegte. Und auf so vieles, was mein Gemüt beschäftigte, gab mir sein an sich gediegener Unterricht keine Antwort. Wie manche Frage hätte ich ihm gerne gestellt. Aber man durfte es nicht.“

Inzwischen darf man mehr als zu Albert Schweitzers Konfirmandenzeit.
Wie sich die Dinge verändert haben, darüber gleich mehr.

Teil II
Heute zum Thema Konfirmation,
ein Fest mit Tradition.

Wenn ich das Foto,
das vor 40 Jahren von mir und meinen Mitkonfirmanden gemacht wurde,
mit einem Gruppenbild meiner heutigen Konfirmanden vergleiche,
dann merke ich sofort:
Da hat sich einiges verändert!

Früher war’s eine Konfirmandenklasse,
die in einem Schulsaal frontal unterrichtet wurde.
Heute ist es eine Jugendgruppe.
Wenn ich mich mit ihnen treffe, dann ist das im Gemeindehaus oder in der Kirche,
wir sitzen in einer großen Runde im Stuhlkreis,
reden über Gott und die Welt,
und manchmal kochen wir auch was zusammen oder gehen miteinander Eis essen.

Natürlich bekommen auch meine Konfirmanden
ab und zu etwas zum Auswendiglernen auf,
und ich höre es auch ab.
Kernbestand sind noch immer:
die Zehn Gebote, das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis,
die Worte bei Taufe und Abendmahl, und der Psalm 23.
Dieser eine Psalm gehört nach wie vor zur eisernen Ration für alle Lebenslagen,
sage ich den Konfirmanden, der muss sein!
Aber der Stil ist ein anderer geworden.

Heute ist klar:
Sie sollen freiwillig kommen,
denn nur dann kommen sie gern.

Darauf lege ich großen Wert.
Und sag’s ihnen gleich am Anfang:
Überlegt euch gut, ob ihr wirklich mitmachen und dafür Zeit investieren wollt;
es gibt eine Schulpflicht, aber keine Konfirmationspflicht.
Wenn ihr aber mitmachen wollt,
müsst ihr es durchziehen und etwas dafür tun.
Und das verstehen sie,
das kennen sie vom Sportverein, da gelten ähnliche Regeln:
Nur wer trainiert, kann aufgestellt werden!Der alte Pfälzische Katechismus aus dem Jahr 1869 hält fest,
was im Konfirmationsgottesdienst geschehen soll:


„In der Konfirmation bestätigen die Getauften nach vorangegangenem christlichem Unterricht durch ihr eigenes Bekenntnis den Bund ihrer Taufe und verpflichten sich zu einem frommen Leben nach Christi Lehre und Vorbild.“

Die Jugendlichen werden als mündige Mitglieder in die Gemeinde aufgenommen.
Damit ist auch die Zulassung zum Abendmahl verbunden
und das Recht Taufpate oder –patin zu werden.

Als Vater der Konfirmation
gilt der elsässische Reformator Martin Bucer (1491 bis 1551),
der sie seit 1534 forderte
und zuerst in der sog. "Ziegenhainer Zuchtordnung" in der hessischen Kirche verwirklichte.
Nach und nach setzte sie sich durch,
seit dem 19. Jahrhundert ist die Konfirmation in ganz Deutschland üblich.

Warum war sie so erfolgreich? könnte man fragen.
Weil sie bis heute den Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenleben markiert:
Die Konfirmation ist ein Schwellenritual, wie die Religionssoziologen das nennen.


Früher begann mit 14 für viele der Eintritt ins Berufsleben,
man kam in die Lehre.
Eine neue Kleiderordnung war angesagt,
das sieht man deutlich auf alten Konfirmationsfotos:

die ersten langen Hosen für die Jungs,
das erste lange schwarze Kleid für die Mädchen,
und die ersten Schuhe mit höheren Absätzen!
Nach dem Gottesdienst war es mancherorts sogar üblich,
die Neukonfirmierten öffentlich mit „Sie“ anzusprechen.

Die Zeiten haben sich gewandelt:
Geblieben ist ein Familienfest in einer kritischen Lebensphase,
das gleichzeitig ein Kirchenfest ist und bis heute gern gefeiert wird.
Dass es dabei wirklich um mehr geht als ums Essen, das Geld und die Geschenke,

das erfahren Sie gleich.

Teil III
Was bringt die Konfirmation denen, die mitmachen?

Für die meisten, die sich anmelden,
treffen zu Beginn der Konfirmandenzeit ja Welten aufeinander.
Hier: die lockere Welt der „Kids“ unserer Tage.
Und dort: die Welt der Kirche,
für viele erst einmal eine angestaubte Institution mit der schweren Tradition der Jahrhunderte,
da sind ganz andere Klänge zu hören sind als dort,
wo man in Deutschland die Superstars sucht.

Ob diese Welten irgendwie zusammengebracht werden können!?
Und ob die Jugendlichen spüren:
Unter dem Ballast, den die Kirche mit sich schleppt,
liegt tatsächlich eine Quelle verborgen liegt,
aus der Menschen bis heute Lebenskraft schöpfen können!

Für mich als Pfarrer ist es immer wieder eine spannende Sache,
jungen Menschen beim Suchen nach dieser Quelle behilflich zu sein!
Dazu brauche ich jedes Jahr neu viel Geduld und gute Nerven.
Und vor allem muss ich offen bleiben für das,
was in Kindern, die eigentlich keine Kinder mehr sind, vorgeht.

Aufgeregt und mit feuchten Händen werden sie am Palmsonntag vor mir stehen,
- manche haben Probleme mit Eltern, die sich getrennt haben,
andre stehen in der Schule auf der Kippe,
wieder andere finden sich unattraktiv und haben Liebeskummer.
Und überhaupt: so im Mittelpunkt zu stehen, das ist für manche mehr als peinlich.

Jedem werde ich seinen Konfirmationsspruch zusprechen.
Dann werden sie niederknien.

Und ich erkläre ihnen vorher immer:
Ihr kniet nicht nieder vor mir,
sondern vor einer unsichtbaren Größe: vor Gott.
Der hat gewollt, dass es euch gibt.
Und Er wird euch nie im Stich lassen,
was immer auch geschehen mag auf eurem Lebensweg.
Das berührt die jungen Leute immer wieder.
Und noch etwas ist mir wichtig:
Wer vor diesem Gott niederkniet, sage ich den Kids,
braucht vor nichts und niemandem den Rücken zu beugen,
kann aufrecht durchs Leben gehen.

Dann lege ich ihnen meine Hände auf den Kopf
und segne sie mit folgenden Worten:

Nehmt hin den Heiligen Geist,
Schutz und Schirm vor allem Argen,
Stärke und Hilfe zu allem Guten,
durch die gnädige Hand Gottes,
des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.


Ob die 25 Mädchen und Jungen, die sich dies Jahr von mir einsegnen lassen,
davon was begreifen?

Ich bin mir sicher, sie ahnen etwas davon.
Und sie haben ja ein ganzes Leben lang Zeit, um es nach und nach zu verstehen.
Wenn man es denn überhaupt verstehen kann!

Noch einmal soll Albert Schweitzer (Aus meiner Kindheit und Jugend, 1924) zu Wort kommen.
Aus seiner Konfirmandenzeit berichtet er eine Begebenheit,
die offen macht für junge Menschen in diesem komplizierten Alter
und alle Skeptiker nachdenklich stimmen sollte.

„In den letzten Wochen des Unterrichts behielt Pfarrer Wennagel nach jeder Stunde einige von uns zurück, um mit jedem unter vier Augen über die Konfirmation zu reden. Als die Reihe an mich kam und er von mir erfahren wollte, mit welchen Gedanken und Entschlüssen ich der heiligen Stunde entgegenginge, fing ich an zu stottern und ausweichend zu antworten. Es war mir unmöglich, so gern ich ihn hatte, ihn in mein Herz blicken zu lassen. Die Unterhaltung nahm ein trauriges Ende. Ich wurde kühl entlassen. Bekümmert sagte Pfarrer Wennagel nachher zu meiner Tante, dass ich als ein Gleichgültiger zur Konfirmation gehe.

Was der alte Pfarrer gleichgültig nennt,
dazu würden heutige Jugendliche vielleicht „cool“ sagen:
Die Seele versteckt sich hinter einer betont lässigen Fassade.

Albert Schweitzer:
In Wirklichkeit ....war ich in jenen Wochen von der Heiligkeit der Zeit so bewegt, dass ich mich fast krank fühlte. Die Konfirmation war ein großes Erlebnis für mich....(Später) als Vikar von St. Nicolai in Straßburg habe ich an die zehn Jahre lang Konfirmandenunterricht erteilt. Wie oft habe ich da, wenn mir einer gleichgültig schien, an den lieben Pfarrer Wennagel und an mich denken müssen und mir dann immer gesagt, dass in einem Kinderherzen viel mehr vorgeht, als es ahnen lässt!“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=3238

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