Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

Der 11. September 2001 hat die Welt verändert. Und mich persönlich auch, glaube ich.
Ich bin eigentlich optimistisch in das neue Jahrhundert gegangen, habe uns Menschen viel zugetraut. Habe gehofft, wir könnten die Welt im 21. Jahrhundert gerechter machen und friedlicher. Auch zwischen den Religionen.
Der 11. September 2001 war da wie ein Bruch. Wir Deutsche führen wieder Kriege. Es gibt seither viel Misstrauen zwischen Christen und Muslimen, global und bis hinein in unsere Nachbarschaft.
Ich bin pessimistischer als vor 10 Jahren: Vor allem was die Frage angeht: Sind wir Menschen vielleicht doch nicht willig zum Frieden?
Mir tun darum die Sätze aus der Bibel gut, an die heute in den evangelischen Kirchen erinnert wird. Man spürt aus diesen Sätzen, wie schwer Menschen einander das Leben machen. Damals in biblischen Zeiten, und heute auch.
Aber erstaunlich ist: Jesaja, der Prophet, der diese Sätze geschrieben hat, ist optimistisch. Eigentlich könnte er an den Menschen verzweifeln und schaut doch positiv in die Zukunft. Er schreibt:

„Die Elenden werden wieder Grund haben, sich zu freuen, und die Ärmsten unter den Menschen werden jubeln. ...Und die Mutlosen und Verwirrten kommen zur Einsicht."

Mutlose kommen zur Einsicht. Allerdings nicht von allein. Was die Menschen angeht ist Jesaja nicht blauäugig. Er setzt und hofft auf Gott. Dass der die Welt und die Menschen nicht aufgibt. Gott will nicht, dass wir unsere Unfähigkeit zum Frieden pflegen und uns darin einrichten. Jesaja vertraut darauf, dass Gott Menschen nicht hängen lässt.
Und daraus zieht er Kraft. Man gibt sich nicht dem Schwarzsehen hin, wenn man hofft. Sondern sucht in Krisen und Konflikten nach Auswegen und Lösungen. In Krisen kann ja auch Neues entstehen, was voran bringt. Wenn man endlich anders zu denken wagt, weil es mit altem Denken nicht weiter geht.
„Die Mutlosen und Verwirrten kommen zur Einsicht." Ich finde diese Worte von Jesaja viel versprechend. Sie erinnern mich, Gott ist nicht aus der Welt. Ich kann mich an seinem Friedensmut orientieren:
Ja, es stimmt, der 11. September 2001 hat die Welt schwieriger gemacht. Aber auch in Krisen ist Gott in der Nähe. Ich glaube, es ist dran, nachzudenken:
Wie hat der 11. September Sie und mich verändert? ZB. wie wir über Muslime und ihre Religion denken? Und die entscheidende Frage ist:
Hilft das für die Zukunft, so zu denken? Oder wäre es besser, umzudenken?
Und was kann ich dazu beitragen, dass Misstrauen und Konflikte weniger werden?

Bibeltext:
Die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen jubeln über den Heiligen Israels.
Denn der Unterdrücker ist nicht mehr da, der Schurke ist erledigt, ausgerottet alle, die Böses tun wollen....
Darum spricht der HERR,.. zum Hause Jakob:
‚Jakob braucht sich nicht mehr zu schämen, sein Gesicht muss nicht mehr erbleichen.
Wenn das Volk sieht was meine Hände in seiner Mitte vollbringen, wird es meinen Namen heilig halten...
Dann kommen die Verwirrten zur Einsicht, und wer aufsässig war, lässt sich belehren.' (Jesaja 29,17-24)

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