Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

Matthäus 2,1-12: Geschichten wissen mehr.

Die „Heiligen Drei Könige" gehören zum festen Inventar jeder Weihnachtskrippe. Heute ist ihr Fest. In der Bibel steht allerdings nichts davon, dass die Fremden, die zu Jesus kamen, Könige waren. Wir erfahren auch nichts über ihre Anzahl und ihre Namen. Legenden und Geschichten wissen da mehr. Eine erzählt  davon, was man in diesen Tagen an einer Weihnachtspyramide so alles mithören kann. „Achtung, jetzt geht es gleich wieder rund!" - rief einer der Heiligen Drei Könige, als er die Hand mit dem brennenden Streichholz auf sich zukommen sah. Er hatte zusammen mit seinen beiden Kollegen seinen festen Platz auf der Drehscheibe einer Weihnachtspyramide. Ein alter Hirte, dem das tägliche Rotieren zu viel wurde, fragte die Könige: „Wie haltet ihr das bloß aus und seid auch noch guter Dinge?" Die Könige antworteten dem alten Hirten: „Ich versuche", sagte der erste König, „mit den Menschen, die uns zuschauen, ins Gespräch zu kommen. Wenn jemand still wird und nachdenklich, dann flüstere ich ihm zu: Schau, wir haben unsere Mitte gefunden. Alles dreht sich um das Kind in der Krippe, um Jesus. Mit ihm will Gott uns zeigen, dass er uns freundlich gesonnen ist." Auch der zweite König hat es sich vorgenommen, dem alten Hirten und denen, die mithören wollen, seine Erfahrung weiterzugeben: „Sieh her", flüsterte er, „wie wir in Schwung kommen. Lass dich durch die  Ereignisse dieser weihnachtlichen Tage doch auch in Bewegung bringen. Bewege dich in deinem Innern. Geh aus dir heraus und geh offen auf andere zu. Sei bereit für Gott. Ich bin überzeugt" - so der König weiter - „dass er auch dir etwas Schönes, etwas Gutes sagen möchte. Dir Mut machen möchte. Und der möchte, dass du glücklich und zuversichtlich sein kannst." Schließlich meinte der dritte König: „Wenn du fasziniert bist von der unsichtbaren Kraft, die uns antreibt, dann schau: Es braucht nur ein bisschen Licht und ein wenig Wärme - und schon wird es bei uns lebendig. Mehr Ehrlichkeit untereinander, mehr Respekt voreinander, mehr Herzlichkeit zueinander - das könnte einiges bewegen und menschlicher machen. „Was diese drei Könige bloß für Ideen haben" - dachte der alte Hirte. Nicht nur, dass er sich ihnen anschloss - blieb ihm auf der Weihnachtspyramide auch nichts anderes übrig. Von ihren Ideen ließ sich der alte Hirte in seinem Innern anstecken. Und ich mich auch.

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Heute Morgen sieht der Baum schon anders aus. Am Heiligen Abend, da ging einem das Herz auf: Die Lichter, die Lieder, die Erinnerungen, die Familie die zusammengerückt ist und für den einen Abend jedenfalls war auch alles gut und harmonisch. Da konnte man es irgendwie erleben, dass die Liebe das Miteinander leichter macht, dass Frieden wirklich möglich wäre und dass Jesus der Retter der Welt ist
Heute Morgen allerdings, bei Tageslicht: Da sieht der Baum schon ein bisschen trocken aus. Manche nadeln schon. Und seit Weihnachten hat es längst wieder Streit gegeben, genau wie vorher und die Nachrichten bringen auch wieder dasselbe. Da kommt die Skepsis: Ich wusste es doch, Weihnachten verändert auch nichts. Wie soll auch ein im Stall geborenes Kind die Menschen besser machen. Ich kenne viele, die heute Morgen so denken oder jedenfalls so ähnlich.
Sogar im Gottesdienst wird heute von einem die Rede sein, der so gedacht hat. In den evangelischen Gottesdiensten wird von Nathanael erzählt. Die Bibel weiß von ihm, dass er auch unter einem Baum saß. Unter einem Feigenbaum allerdings, da saßen die Schriftgelehrten und studierten die Heiligen Bücher. Nathanael war ein Schriftgelehrter. Er studierte die Bücher, in denen die Hoffnungen seiner Zeit niedergeschrieben waren: Gott selbst würde einen Retter schicken und dann würden sich die Menschen und deshalb auch die Welt verändern. Und als Nathanael unter seinem Baum sitzt, da kommt ein anderer, der sagt: Wir haben ihn gefunden! Jesus, Josefs Sohn aus Nazareth. Er ist der, auf den wir warten. Jetzt wird alles anders werden. Aber Nathanael ist ein Skeptiker. Er weiß, wie die Welt ist. Er hat Erfahrungen. „Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?" Mit dieser einen Frage ist für Nathanael der Fall erledigt.
Das, was man schon kennt: Nazareth, die Weihnachtsgeschichte, die Lieder vom Frieden auf Erden -das kommt jedes Jahr wieder. Das ist doch irgendwie immer dasselbe. Was soll sich da verändern? Aber Philippus, der damals dem Nathanael von Jesus erzählt hat, der lässt sich nicht beirren. „Komm und sieh!", sagt er. Aus der Distanz lässt sich die Skepsis nicht überwinden. Nur aus der Nähe sieht man, was dran ist, an dem Mann aus Nazareth. Deshalb: Komm und sieh! Schau genau hin. Hör aufmerksam zu. Denk nach. Denk mit. Probier es aus. Versuch es mit der Liebe. Probier den Frieden aus. Mach den anderen Freude. Und sieh, ob sich nicht doch was verändern lässt. Jesus jedenfalls hat damals dem Nathanael versprochen: Du wirst noch Größeres erleben. Allerdings darf man dazu nicht unter dem Baum sitzen bleiben.

 

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