Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

„Das passiert mir nicht noch mal. Beim nächsten Mal bin ich besser gerüstet," hat mir ein Freund ganz außer sich erzählt. Er hat sich vom Bereichsleiter in der Firma total überfahren gefühlt und gedemütigt. Eigentlich ging es darum ein Sachproblem zu klären. Kontrovers vielleicht. Aber fair und lösungsorientiert. Stattdessen: Persönlich attackiert hat mein Freund sich gefühlt. Und dann so in der Defensive, dass er die Lösung nur noch schlucken konnte. Beim nächsten Mal rüste ich mich besser."
Ich vermute, Sie kennen das. Situationen im Beruf, sogar in einer Beziehung, die uns zu lehren scheinen. Im Leben muss man sich rüsten: Sich panzern, damit man nicht verletzbar ist. Und rechtzeitig angreifen können: Pfeile im Köcher haben, vielleicht sogar giftige. Und manchmal meint man: ‚ich muss seine Achillesferse kennen, um ihn richtig zu treffen.
Uralt ist diese Versuchung, den andern zu verletzen, aus dem Feld zu schlagen, bei einer Auseinandersetzung fertig zu machen. Diese Versuchung spürt man auch in dem Abschnitt, über den heute in den evangelischen Kirchen gepredigt wird. Aber der Lehrer der frühen Christen warnt: Widersteht dieser Versuchung. Sie fordert zu viele Opfer. Wir können anders: Das Leben ist kein zerstörerischer Kleinkrieg.
Er empfiehlt darum spezielle Waffen, mit denen wir uns begegnen, gerade in einer Auseinandersetzung. Ich glaube, er will sagen: Rüstet euch durch Abrüstung.

Bindet den Gürtel der Wahrheit um die Hüften, schreibt er, legt den Brustpanzer der Gerechtigkeit an und tragt an den Füßen Schuhe der Bereitschaft, Frieden zu verbreiten. (Eph 6,14)

Wahrheitsgürtel, Gerechtigkeitspanzer und Friedensschuhe.
Wahrhaftig sein in einer Auseinandersetzung: Mit Vorgesetzten oder meinen Kindern. Wie geht das? Keine Tricks und verlogenen Machtspiele. Offen und ehrlich sagen, was mir wichtig ist. Wahrhaftig sein heißt aber auch, ich will die Wahrheit des anderen hören.
Das ist der erste Schritt zur Gerechtigkeit. Wenn ich auch die Sicht und die Interessen des anderen zulasse. Nur dann haben wir die Chance, eine Lösung zu finden, die beiden gerecht wird.
Und die Friedensschuhe? Ich glaube, der biblische Lehrer meint, es geht zwischen Menschen nicht um Kampf und Sieg, auch nicht in Auseinandersetzungen, sondern um Kooperation. Das Leben wird besser, wenn man den Weg findet, der beiden Seiten gerecht wird. Und es ist erst dann gut, wenn man sich auch nach einer Auseinandersetzung wieder gern und offen in die Augen schauen kann. Und sich unbewaffnet begegnen.

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