Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”. So heißt es in der Bibel, im Alten und im Neuen Testament. Vor mindestens 2500 Jahren ist dieses Gebot aufgeschrieben worden, existiert hat es sicher schon wesentlich früher. Offenbar wissen wir Menschen bereits sehr lange, daß Nächstenliebe uns gut tut, ja, daß wir ohne Nächstenliebe nicht zusammen leben können.
„Liebe deinen Nächsten - er ist wie du”, so hat der jüdische Philosoph Martin Buber das Gebot übersetzt. Der andere, die andere ist wie ich - bedürftig, unsicher, wechselhaft; mal stark, mal schwach, mal mutig, mal ängstlich; angewiesen darauf, daß ich nachsichtig bin, ihm helfe, ihn anerkenne und ermutige.
Liebe deinen Nächsten, er ist wie du. Das hat etwas Entwaffnendes. Es heißt: Begegne dem anderen so wie du es brauchst, daß man dir begegnet. Aufmerksam, respektvoll, ohne ein fertiges Bild. Laß ihn leben. Hilf ihm leben. Tritt ihn nicht auch noch nieder, wenn er schon strauchelt. Hilf ihm sein Gesicht wahren, wenn er sich blamiert. Zeig ihm einen Ausweg, wenn du einen weißt. Hilf ihm einen Ausweg finden. Freu dich mit ihm, wenn ihm etwas gelingt. Wirf ihm nicht ein paar Almosen hin von deinem Wohlwollen, sondern respektiere ihn. Belüg ihn nicht mit falschem Lob, sondern hilf ihm, sich weiterzuentwickeln. Nimm ihn ernst. Schüttel ihn, wenn’s sein muß, damit er aus Träumereien aufwacht. Damit er merkt, wo er etwas angerichtet hat.
„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Ich bin der Herr.” So steht es im 3. Mosesbuch, auch Leviticus genannt. Das heißt: Gott will, daß ich mich liebe und für mich sorge und daß mir genauso die anderen Menschen am Herzen liegen. Lebendige Selbstliebe, Freude am eigenen Leben ist vielleicht der stärkste Antrieb zur Nächstenliebe.
Liebe deinen Nächsten - er ist wie du - so übersetzt Martin Buber.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst - so steht es in den meisten Bibeln.
Und ich möchte noch hinzufügen: Liebe deinen Nächsten, aber denk auch daran, daß er ganz anders ist als du.


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