Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen Begegnungen

Ich möchte Ihnen heute einen Mann vorstellen, der Steine zum Reden bringt. Reinhard Störzner ist Gästeführer in Heidelberg. Am liebsten zeigt er die 700 Jahre alten Mauern der Heiliggeistkirche. Er wünscht sich von den vielen Gästen, die er führt - egal ob sie aus Heidelberg sind oder aus Japan oder China kommen – eigentlich nur eines. Sie sollen:

Einfach mal sehen, dass jede Kirche mit einem spricht, einfach mal hören: Jede Kirche hat einen Ton und hat eine Geruch. Und das kann man einfach mal wahrnehmen.

Wenn die Gäste das schaffen, dann bringt Reinhard Störzner die Steine für sie zum Reden. Und die Mauern der Heiliggeistkirche in Heidelberg haben vieles zu berichten.

Teil
„Man sieht nur, was man weiß.“ Darum läuft man manchmal sogar ziemlich ahnungslos durch die eigene Stadt. Darum sind Gästeführer wie Reinhard Störzner Glücksfälle. Er ist ein Zugezogener, Pfälzer von Haus aus, aber er kennt sich besser aus als die meisten Altheidelberger. Vor 10 Jahren hat der heute 50 jährige auch die Heiliggeistkirche für sich entdeckt:

Ich bin ein anderer Mensch, wenn ich das Hauptportal hier betreten hab. Das ist für mich einfach tief Durchatmen, das passt es, das ist oK. Ich schätze die Leute hier, ich erzähl eben auch gern von dieser Kirche, ich komme hier einfach zur Ruhe. Und es ist ein schöner gotischer Bau, es ist etwas Tolles.

Er macht sehr verschiedene Führungen: Sonntags nach dem Gottesdienst ganz kleine Gruppen, oft mit Einheimischen. Und als Kontrastprogramm die städtischen Führungen mit Menschen aus fremden Kulturen. Da muss Reinhard Störzner auswählen, womit er Brücken bauen kann über Grenzen hinweg. Ein modernes Kirchenfenster des Glaskünstlers Johannes Schreiter erinnert an den Abwurf der Atombombe und spielt darum eine große Rolle für Japaner.

Da erzähle ich natürlich immer über das Schreiterfenster „6.8.45 Hiroshima“. Wo ich dann wirklich erkläre, ja dieses Fenster ermahnt uns, erinnert uns, und auch dann versuche, ihnen diese beiden Bibelverse, einmal Zerstörung aber dass die Gnade größer ist als die Zerstörung. Ein bisschen was von Gott zu erzählen, oder von unserer Vorstellung von ihm, da haben die ja eine völlig andere Auffassung.

Noch stärker empfindet er die Unterschiede zur chinesischen Kultur. Da zeigt er gern eine Schlange, die die Madonna umgarnt. Weil die Schlange einem Drachen ähnelt. Und Drachen kennen Chinesen, allerdings was Drachen bei uns bedeuten, ist wieder ganz fremd für sie:

Und dann hatten wir ja auch mit der Madonna, die jetzt hier außen zu sehen ist. Schlange: Und da hab ich gesagt: Der Drache, der die Welt umgarnt, und dann ‚Hoppla, bei uns symbolisiert der Drache ja das Gute, hier ist er das Böse.

Aber an der Gebetswand, da hofft Reinhard Störzner, dass kulturelle Grenzen überschritten werden: Vielleicht ist beten wirklich eine Weltsprache.

Wir haben jedes Jahr mehrere tausend Gebete an dieser Wand. Es findet alle zwei Wochen ein Gebetskreis hier vor dieser Mauer statt und es wird mit diesen Gebeten gebetet. Keines dieser Gebete wird weggeworfen. Wir haben viele fremdartige Schriftzeichen, wir können viele Gebete nicht lesen und wir hoffen dann natürlich immer, dass es etwas Interreligiöses ist.

Viele Besucher kommen aber auch - wie ich- ganz aus der Nähe, wollen ihre Kirch’ sehen und verstehen. Denen erzählt er von der Trennmauer, die weit über 2 Jahrhunderte die Kirche in evangelisch und katholisch geteilt hat. Erst 1936 wurde sie evangelisch. Und er erzählt von der Kanzel, an der man bis heute noch sehen kann, dass sie einmal von Jesuiten gestaltet worden ist:

Hinten auf dem Kanzelrücken haben wir ein von Liebe verwundetes Herz, das also Liebespfeile hochschießt zu den Buchstaben IHS, das kann man auch jesuitisch lesen: Jesum habemus socium, „wir haben Jesus zum Gefährten“. Also eine Pfarrerin predigt von einer jesuitischen Kanzel. Und das ist so ein schönes, wenn auch unfreiwilliges Zeugnis der Ökumene.

Teil 2
Für Reinhard Störzner ist die Geschichte von Heidelberg und der Heiliggeistkirche nichts Trockenes und Vergangenes. Darum kann er auch so engagiert und lebendig erzählen: Hände, Gesicht, die Augen reden mit. Ich glaube, er liebt was er tut. Und diese Kirche. Und darum macht er neben den touristischen Führungen auch so genannte kirchenpädagogische. Da geht es um mehr als etwas erklären und Wissen vermitteln.

Die Leute sollen den Raum auch erleben. Und es ist ein Raum, der mir gehören kann. Also wenn wir hier Kirchenpädagogik machen, ist die Kirche abgeschlossen, die Leute sind eine Stunde in dieser Kirche und da kommt sonst kein anderer rein.

Ganze Gruppen machen mit. Erwachsene, aber auch Konfirmanden. Eine Gruppe Konfirmanden, eine ganze Stunde? Reinhard Störzner zerstreut meine Bedenken ganz schnell. Im Gegenteil, es verblüfft mich, was er von einer Übung mit ihnen erzählt.

Also zuerst: Sie müssen schweigen; dann dürfen sie vom Altar ausgehend laut ihren Namen in diesen Kirchenraum schreien - miteinander, das ist ein Mordslärm; also gut, dass die Kirche zu ist, die Leute würden sich tierisch aufregen. Ich mache mit der Triangel einen Ton und sie müssen schweigend zum Altar gehen.

Wenn das alles wäre, wäre es vor allem ein großer Spaß. Darum ist entscheidend, wie er ihr Erlebnis mit Bibelversen deutet. Bevor sie laut ihren Namen rufen, sagt er als Einstimmung zum beten: „Aus der Tiefe rufe ich zu Dir, Gott.“ Und wenn sie still zum Altar zurückgehen, sagt er ihnen zu, was Gott antwortet „ Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen, Du bist mein.“

Und dann müssen Sie einfach mal erleben, wie fromm die Konfirmanden plötzlich sind. Plötzlich sind die ganz ganz da und das ist klasse.


Erwachsene tun sich mit dem Schreien schwerer. Aber sie können sich salben lassen. Sorgen symbolisch ablegen. Und so können sie erfahren, was Reinhard Störzner selbst braucht. Dass man mit Seele und Leib spürt, dass und wo einem eine Kirche gut tut.

Ich sitze immer gern hinten und wenn ich hier zum Abendmahl gehe, ist es für mich immer auch eine gewisse Sinnlichkeit, die sich damit verbindet. Ich geh dann einfach auch ein paar Stufen hoch, und man stellt sich dann im hellen Chorraum um den Altar. Ich hab diese ‚Burg Heiliggeist’ um mich herum und im Dunkeln bin ich irgendwie geschützter. Der Körper, da nimmt er seinen Platz ein und da gehört er halt hin.

Wenn Sie im Urlaub in eine fremde Kirche kommen und sich von ihr was Gutes tun lassen wollen, hat Reinhard Störzner einen Rat.

Ich denke, das ist das Wesentliche, was zunächst einmal eine Kirche anbietet: Bisschen langsamer, bisschen leiser werden und einfach aufmerksam rumgucken. Und dann soll man sich einfach mal hinsetzen und von dem ganzen Geplapper abschalten und einfach mal sehen, dass jede Kirche mit einem spricht.https://www.kirche-im-swr.de/?m=4218