Manuskripte

SWR4 Sonntagsgedanken

Es ist schon ein bisschen verrückt. Mitten im zweiten Weltkrieg sitzt ein Jude,
der noch rechtzeitig aus Deutschland fliehen konnte, in Jerusalem in seinem
Arbeitszimmer, hört die schrecklichen Nachrichten von der Vernichtung seines
Volkes und kann überhaupt nichts dagegen tun. Gelähmt von Entsetzen und
Trauer schaut er aus dem Fenster und sein Blick fällt auf den blühenden
Mandelbaum im Garten. Und da geschieht es. Inmitten schrecklicher Bilder und
Nachrichten empfindet der Mann - es ist Schalom Ben Chorin - trotz alledem ein
wenig Ruhe und Trost. Der blühende Mandelbaum, in Israel schon immer ein
Bote des anbrechenden Frühlings, wird für den erschütterten Mann zum
sprechenden Zeichen und Ben Chorin schreibt folgendes Lied:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe
bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit, achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg


Das ist keine Flucht in falsche Naturromantik, hier blendet einer keineswegs die
trostlose und schreckliche Wirklichkeit der Vernichtung und des Krieges aus,
hier entdeckt einer in kleinen und fast unscheinbaren Zeichen und Vorgängen
in der Natur die unbändige Kraft des Lebens. "Diese leise Botschaft des
Mandelbaumes" - sagt der berühmte jüdische Theologe später - "die hat mich oft
getröstet. Nicht nur im Krieg. Auch später, wenn ich verzagt und hoffnungslos
war". Ein kleiner Blütenzweig als Protest gegen alle Hoffnungslosigkeit - ist das
nicht ein bisschen verrückt? Und angesichts der erdrückenden Realität ein
schwacher Trost? Fragen dieser Art gibt es genug. Die oft erschreckende·
Realität scheint stärker zu sein als die Hoffnung, das Dunkle wirkmächtiger als
das Licht und die Macht des Todes scheint siegreicher zu sein als das Leben.

Musik

„Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt, das bleibt mir ein
Fingerzeig für des Lebens Sieg“. Schalom Ben Chorin, der dieses wunderbare
Lied geschrieben hat, lebt in der Tradition des biblischen Glaubens und kennt
all die Hoffnungsbilder die seinem Volk immer wieder neue Kraft gegeben und
es an so manchem toten Punkt aufgerichtet haben. So heißt es z. B beim
Propheten Jeremia: „Was siehst du Jeremia? Ich antwortete: einen Mandelzweig
sehe ich. Da sprach der Herr zu mir: du hast richtig gesehen; denn ich wache
über mein Wort und führe es aus."(Jer 1,11-12)

Der Prophet sieht also in dem faszinierenden Naturereignis nicht nur eine
anonyme Kraft des wiederkehrenden Lebens im Kreislauf der Jahreszeiten. Er
sieht viel mehr und viel tiefer, er sieht nicht nur das Geschaffene, er sieht den
Schöpfer. Gott, der wach ist und handelt und der ein Freund, ein Liebhaber des
Lebens ist. Wo immer Leben aufbricht und entsteht, wo tote Punkte
durchschritten und überwunden werden, wo neue Anfänge gewagt und
geprobt werden, da entdeckt der biblische Mensch das wirkmächtige und
schöpferische Handeln Gottes. Und weil Gott nicht schläft, dauert kein Winter
ewig und haben Nacht und Tod nicht das letzte Wort.

Das letzte Wort hat das Leben oder anders gesagt, das letzte Wort hat der, dem
sich alles Lebendige verdankt. Und das zieht sich durch. Von Anfang bis zum
Schluss der Bibel zeigt es sich: dieses göttliche Wort hat es in sich, hat das Leben
in sich und darum kann es auch Leben hervorbringen: sei es am
Schöpfungsmorgen, wo alles noch chaotisch und wüst war, sei es am
Ostermorgen, als der Stein vom Grab weggewälzt war.

Und es hat soviel Leben in sich, dass es auch heute Menschen erfüllt und
bewegt. Schalom Ben Chorin, dieser hoffnungsvolle Mensch hat bis in sein
hohes Alter für die Versöhnung von Juden und Christen gelebt und gearbeitet,
er ist selber zu einem Fingerzeig, zu einem blühenden Mandelzweig geworden.
Und viele mit ihm, lebendige Fingerzeige, Hoffnungsschimmer, Menschen,
durch die österliches Lebens aufblüht und die Welt ein Stück menschlicher,
herzlicher und schöner wird. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3331

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