Manuskripte

SWR1 3vor8

18OKT2020
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Kleider machen Leute. Ich finde, das stimmt. Manchmal erlebe ich das, wenn ich einen neuen Pulli kaufe oder womöglich sogar einen neuen Mantel. Wenn die Farbe meinen Teint belebt, wenn der Schnitt die Stärken meiner Figur hervorhebt und die Schwächen verdeckt, wenn der Stoff sich angenehm trägt und ich mich richtig wohl fühle in dem neuen Teil: dann fühle ich mich irgendwie anders, schöner, harmonischer, zufriedener. Selbstbewusster. Ganz anders als in den alten Klamotten vorher. Beinahe wie ein neuer Mensch. Kleider machen Leute.

Der christliche Glaube verspricht so ein neues Kleid, in dem man sich wie ein neuer Mensch fühlen kann. Nicht nur äußerlich, sondern innen. Heute wird das in den evangelischen Gottesdiensten vorgelesen und in der Predigt ist davon die Rede (Eph 4, 22-32). Ihr könnt den alten Menschen ablegen, wird im Epheserbrief versprochen. „Lasst euch stattdessen dadurch erneuern, dass Gottes Geist in eurem Verstand wirkt. Und zieht den neuen Menschen an wie ein neues Kleid“

Zum Zeichen dafür haben die Menschen damals, wenn sie als Erwachsene getauft wurden, ein weißes Gewand angezogen. Heute gibt es das manchmal noch, wenn Babys getauft werden. Ein weißes Taufkleid. Was vorher war, ist vorbei. Ein getaufter Christ kann als ein neuer Mensch leben. Sich aufrichten und energisch und selbstbewusst neu anfangen – wie mit neuen Kleidern.

Wer sich für Gott öffnet und für seinen Geist, der verändert sich. Der wird ein neuer Mensch. Der kann wie ein neuer Mensch leben. Das ist die Idee. Das schafft man nicht aus eigener Kraft. Es ist nicht so einfach, sich zu ändern. Aber Gottes Geist, um den kann man jeden Tag neu bitten. Der kann in meinem Verstand wirken und mich verändern.

Wie das aussehen könnte? Vielleicht so: Ein Ehepaar muss sich nicht mehr anschreien, sondern kann miteinander nach Lösungen suchen, wenn es Probleme gibt. Am Arbeitsplatz höre ich auf zu meckern und versuche mit konstruktiven Beiträgen etwas zu verbessern. Ich lasse meinen Frust nicht an den anderen raus, weil ich ja irgendwohin muss damit, sondern ich suche nach dem, was Hoffnung macht und nach Energie, neu anzufangen. Ich schimpfe nicht mit nachtragendem Ärger, sondern versuche es mit nachgetragener Liebe.

So könnte es sein, wenn ich als neuer Mensch lebe. Ich muss nicht bleiben, wie ich in meinen alten Klamotten war: bitter und nachtragend und ein bisschen muffig. Gottes Geist macht einen neuen Menschen aus mir – wirksamer als jedes neue Kleid. Und das nicht nur einmal. Ich kann immer wieder neu anfangen als neuer Mensch.

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