Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

24SEP2020
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Vorgestern kam mir ein Mann mit einer hautfarbenen Maske im Gesicht entgegen, auf die ein wunderschön geschwungener Frauenmund gedruckt war. Knallrot, mit sinnlichem Lippenstift.

Gestern habe ich eine feine Dame mit einer glitzernden, paillettenbesetzen Maske gesehen. Die Maske passte so perfekt zu ihrem Outfit, als sei sie einfach ein neues, topmodernes modisches Accessoire.

Und heute lese ich in der Zeitung, dass eine Frau ihr Brautkleid zu Masken umgenäht und diese an die Hochzeitsgäste verschenkt hat. Natürlich erst nach der Feier.

Dieses kleine Krisenaccessoire scheint unsere Phantasie zu beflügeln. Verrückt, oder? Dabei, mal ehrlich: Vor allem nervt die Maske doch, oder? Man kann so schlecht atmen darunter. Wo stecke ich sie vorm Einkaufen hin? Und außerdem: Wie oft stand ich jetzt schon ohne Maske vorm Bäcker und konnte nicht rein?

Aber ein Gedanke, der hat mich nun doch mit der Maske versöhnt: Ich trage sie ja gar nicht, um mich zu schützen. Ich trage sie, um die anderen zu schützen. Vor den Viren, die ich vielleicht verteile, ohne es zu wissen: Im Supermarkt, bei der Arbeit, beim Arzt… wo auch immer. Die Maske hilft, dass ich die Viren nicht in die Luft spucke, sollte ich infiziert sein. Und sie sich so kein neues Opfer suchen können.

Das klingt für Sie unlogisch? – Warum versöhnt mich gerade der Gedanke mit der Maske, dass sie mir gar nicht hilft?

Naja, damit ist ja klar: Je mehr Menschen so einen Mund-Nasen-Schutz tragen, desto sicherer sind alle. Bei der Maske geht es um Solidarität. Und die Holzköpfe, die das ablehnen, die denken wohl mehr an sich als an die anderen. Wenn ich die Maske trage, dann schütze ich meinen Nächsten – ganz direkt, im wahrsten Sinne des Wortes. Sollte ich infiziert sein, ohne davon schon zu wissen, dann bleibt die alte Dame, die an der Supermarktkasse hinter mir steht, trotzdem gesund. Ich stecke auch die Erzieherin im Kindergarten nicht an. Oder den Mann, der mit mir beim Arzt im Wartezimmer sitzt.

So gesehen ist die Maske ein Ausdruck dessen, was das Christentum zu tiefst ausmacht: Nächstenliebe. Und seit mir das klar geworden ist, trage ich meine Maske gern.

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