Manuskripte

SWR3 Gedanken

15SEP2020
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Vor neun Jahren war ich in Frankreich, in Taize im Kloster. Bis heute denk ich gerne daran. Weil ich da während einer Woche im Sommer junge Menschen aus aller Welt kennengelernt habe. Junge Erwachsene, die als Christen ganz unaufgeregt ihren Glauben leben. Mir hat das damals total gut getan. Und deshalb habe ich ein Wochenende lang auch diesen Sommer Taize erlebt – ein bisschen jedenfalls. Mit Videokonferenzen in kleinen Gruppen und trotzdem mit Menschen aus der großen, weiten Welt.

Mit dabei war Sennan aus Melbourne, Australien. Es ist bei ihm 1 Uhr nachts, als er sich live dazuschaltet. Die Stimmung ist ganz schön down in down under. Denn sie befinden sich gerade im zweiten Lockdown. Aber Sennan erzählt davon, wie er versucht, gerade älteren Menschen jetzt zu signalisieren: wir haben euch nicht vergessen.

Und so tut es nach ihm auch Alejandra aus Honduras, die gerade erst aufgestanden ist. Die 22-Jährige, gibt einen Einblick, wie dramatisch die Situation ist: Krankenhausbetten und Medikamente fehlen, über 60% leben in Armut, Tendenz steigend. Und sie sagt: Deshalb teilen wir hier alles, was wir noch haben, um gemeinsam da durchzukommen.

Bei Sennan und Alejandra, aber auch später bei Johnny aus dem Libanon oder bei Daniele aus Italien fällt in der Videokonferenz immer wieder das Wort „compasión“, man kann es übersetzten mit „mitleiden“. Nicht zu verwechseln mit Mitleid von oben herab. Sondern Mitleiden, gelebte Solidarität. Und diese jungen Erwachsenen glauben auch, dass Jesus das vorgemacht hat: compasión . Sie glauben an einen Gott, der selbst ganz schön gelitten hat. Der das alles durchgemacht hat: Einsamkeit, Angst, Verzweiflung. Und bei dem die  Solidarität trotzdem stärker ist als das Leid.  Die Solidarität der Menschen untereinander. Und die Solidarität Gottes mit jedem seiner Geschöpfe.

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