Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

16SEP2020
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„Ach, die Kirche mit ihrer Nächstenliebe!“ hat mal einer zu mir gesagt. „Das ist doch ganz naiver Quatsch! Kein Mensch tut etwas, wovon er selber nichts hat.“ Im ersten Moment habe ich geschluckt.

Aber später ist mir gekommen - vielleicht war das ja gar nicht so verkehrt, was der Mann da gesagt hat: Kein Mensch tut etwas, wovon er selber nichts hat...

Und ich würde sogar noch weitergehen: Wenn ich nicht genau weiß, wozu ich etwas tue - auch wenn es freiwillig ist - sollte ich es besser noch einmal überdenken. Denn es gibt heimliche, uneingestandene Erwartungen. Und die sind ein ganz schlechter Grund. Also, wenn ich beispielsweise ständig gelobt werden möchte.

Das wird in aller Regel enttäuschend ausgehen; und womöglich in dem bitteren Vorwurf münden: „Das alles habe ich getan. Und was ist der Dank?“ Denn: kein Mensch tut nun mal etwas, wovon er selber nichts hat.

Aber: Was ist dann mit der Nächstenliebe? Da hat man doch auch nichts von, oder? - Doch. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist ja gerade nicht der Aufruf zur totalen Aufopferung. Die Nächstenliebe fordert lediglich dazu auf, mit dem anderen genauso gut umzugehen, wie mit mir selber. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Nur, das Wunderbare an der Nächstenliebe ist: Wenn ich für andere etwas übrighabe, gehe ich selten leer dabei aus.

Eine Schmerzpatientin, die über Jahre keine schmerzfreie Minute mehr gekannt hat, hat mir mal vor folgende Geschichte erzählt:

Sie hat im Wartezimmer ihres Arztes gesessen. Eine junge Frau ist hineingekommen und hat sich neben sie gesetzt. Die junge Frau hat so niedergeschlagen gewirkt, dass es ihr in der Seele leidgetan hat. Und sie hat ein Gespräch mit ihr angefangen. Der Arzt hatte ihr gerade die Diagnose übermittelt: Hirntumor.

Die Schmerzpatientin hat gar nicht erst versucht, sie zu trösten; hat ihr nur  liebevoll und aufmerksam zugehört.

Und dabei hat sie ihre eigenen Schmerzen vollkommen vergessen. Nach einer Stunde hat sie festgestellt, dass sie 60 schmerzfreie Minuten geschenkt bekommen hat – ein Glücksgefühl, das sie nicht mehr für möglich gehalten hatte. 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31649