Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

15SEP2020
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Jesus hat das Himmelreich mit einem Sauerteig verglichen: Das Himmelreich gleiche einem Sauerteig, den eine Frau unter 40 Kilo Mehl mengt. Und am Ende ist alles durchsäuert (Mt 13, 33-35).

Himmelreich und Sauerteig - das klingt schon etwas schräg - finden Sie nicht? Ich habe gerade meinen allerersten Sauerteig hergestellt. Was ich nicht gewusst habe: Dazu braucht es nichts weiter als gutes Mehl, Wasser und viel Zeit.

Und mit ein bisschen Glück entsteht eine geniale Kultur aus Pilzen und Hefen, die später das Brot schön locker aufgehen lässt. Und damit kann man bis in alle Ewigkeit backen, wenn man immer ein bisschen was übrigbehält.

Schön und gut. Aber was hat das jetzt mit dem Himmelreich zu tun? Ich glaube, Jesus wollte damit sagen: Das Himmelreich ist schon längst angelegt; uns umgibt sozusagen schon immer eine ganz andere, eine himmlische Wirklichkeit - ob wir uns nun dessen bewusst sind, oder nicht.

Wie die Zutaten beim Sauerteig: Die sind auch schon da, lange bevor wir es überhaupt merken. Sie warten sozusagen verborgen im Mehl und es braucht nur noch die Initialzündung.

Beim Sauerteig ist es das Wasser. Mit Wasser fängt das Mehl an zu gären. Und beim Himmelreich ist es Jesus selbst. Er hat ein Stück vom Himmel auf die Erde gebracht. Und so, wie die Frau die Lockerung des Teiges in Gang setzt, indem sie mit einer kleinen Gabe Sauerteig eine riesige Menge Mehl durchsäuert – so ist es mit Jesus. Mit ihm ist etwas Großes angebrochen: eine himmlische Welt, die alles durchdringt.  

Nur - wieso merken wir oft so wenig davon? Es geschieht eben - wie die Durchsäuerung des Mehls - im Verborgenen. Und dennoch: Es gibt diese Augenblicke, in denen ich spüre: Etwas Größeres ist am Werk.

In Notsituationen wachsen Menschen plötzlich über sich selbst hinaus; und entwickeln einen Gemeinschaftssinn, der sie selber überrascht. Und selbst diejenigen, die sich bis zur Erschöpfung verausgaben, berichten hinterher nicht nur über die Anstrengung. Sie erinnern sich auch immer an ergreifende Augenblicke; oder an Momente tiefempfunden Glücks.

- Das Himmelreich, ganz nah, wo man es am wenigsten vermutet.

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