Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

14SEP2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Jesus hat gerne in Gleichnissen geredet. Da gibt es beispielsweise das Gleichnis vom vierfachen Acker (Mk 4, 1-9):

Ein Bauer sät seine Saat aus – und wie das so ist: Einiges von der Saat fällt ins Gestrüpp, einiges unter die Dornen; und einiges wird von den Vögeln aufgefressen. Aber einiges fällt auch auf fruchtbaren Boden und geht auf und gedeiht.

Vordergründig könnte man das so verstehen: Da gibt es die Guten und die Schlechten, und je nach dem, wen das Wort Gottes trifft, wird es gehört und verstanden, oder eben auch nicht... So verstanden, wäre das eine sehr moralische Geschichte: die einen gut, die anderen schlecht - da wächst nichts. Und da kann man nichts machen.

Ich glaube aber: Es geht in den Gleichnissen nicht um Moral; es geht um Wahrheit; um die gute Nachricht. Es geht ja wohl auch heute kaum jemand in die Kirche oder hört sich hier die Rundfunkandachten an, nur um ein paar interessante Informationen oder moralische Urteile zu erhalten.

Ich jedenfalls möchte etwas darüber hören, wer ich bin. Und wer Gott ist.Und was für eine Bedeutung mein Leben hat... – Das treibt mich um. Sie vielleicht auch…?

Deshalb: Die verborgene, die tiefere Wahrheit in diesem Gleichnis ist für mich eine andere: Ich bin gemeint, auch mit dem vierfach verschiedenen Acker: Ich bin der Boden. Und Sie natürlich auch, wenn Sie mögen...

Auf diesem Boden gibt es fruchtbare Ecken, wo alles prächtig gedeiht. Und da gibt es wüste Ecken, voller Dornen und Gestrüpp. - Alles das bin ich.

Die Saat ist das Wort, das von Gott her zu mir dringt. Diese Saat wächst auf demselben Boden, in dem auch das Unkraut gedeiht. Aber: das Unkraut ausreißen könnte bedeuten, das Getreide mitauszureißen. Das heißt: Ich muss auch sorgsam mit dem umgehen, was mir nicht an mir gefällt. Und wie der Bauer kann ich zum Wachstum der Saat nichts beitragen.

Die Nähe Gottes wächst von selbst in mir - wenn ich ihm den Raum lasse. Und die Zeit; und die innere Stille. Dann reift die Nähe Gottes in mir heran, wie das erste, zarte Grün des Getreides.  

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31647