Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

16SEP2020
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Der Almosenverwalter im Vatikan hat in diesen Tagen einen besonderen Auftrag: Papst Franziskus schickt ihn ans Meer. Und zwar zusammen mit obdachlosen Römern. Ein paar Stunden Sonne, Strand und baden – und anschließend spendiert der Papst Pizza für alle. Es ist nicht das erste Mal, dass der päpstliche Sozialbeauftragte solche Aktionen organisiert. Er sagt: „Wir können nicht die Welt retten oder die Probleme der Obdachlosen lösen. Aber wir können den Menschen etwas von ihrer Würde zurückgeben." Papst Franziskus hat schon zu Beginn seiner Amtszeit einen besonderen Blick auf Wohnungslose gehabt. Für sie hat er Duschkabinen in der Nähe des Petersplatzes bauen lassen.

Franziskus‘ Fürsorge für die Obdachlosen erinnert mich an die Geschichte eines Wohnsitzlosen hier bei uns im Land. Die Polizei hat ihn aus dem Stadtpark in eine Klinik gebracht. Nach einem Herzinfarkt und in erbärmlichem Zustand. Verdreckt, verlaust, seine Kleider mussten ihm vom Leib geschnitten werden, er muss sie schon Monate getragen haben. Die ersten beiden Wochen lag der Mann eingerollt wie ein kleines Kind in seinem Bett, hat kaum gesprochen. Und dann hat er sich langsam geöffnet und begonnen, seine Geschichte zu erzählen: Er hatte 30 Jahre als Controller gearbeitet, verlor zuerst den Job, dann sein Haus und schließlich seine Frau. Seit 15 Jahren ist er obdachlos. Die Ärzte haben es gemeinsam mit der Pflege, der Krankenhausseelsorge und dem Sozialdienst geschafft, dem Mann wieder auf die Beine zu helfen. Er ist wieder krankenversichert und lebt jetzt in einer betreuten Wohneinrichtung.

Als er ein paar Wochen später zur Nachuntersuchung in die Klinik gekommen ist, hat er Schokolade verteilt und sich bei der ganzen Station bedankt und gesagt: „Ihr habt mir meine Würde wieder zurückgegeben, ich bin wieder ein Mensch.“ In der Folge hat sich der verantwortliche Arzt bei der Klinikleitung rechtfertigen müssen. Und zwar dafür, dass er den Patienten mehr als drei Monate auf der Station behandelt hat. Das ist nicht üblich und vor allem: sehr kostenintensiv.

Es war der letzte Patient dieser Art in dieser Klinik. Die Abteilung ist vor einigen Monaten geschlossen worden. Der offizielle Grund: notwendige Umstrukturierungen. Der inoffizielle: zu wenig Rendite. Die Klinik gehört zu einem großen privaten Klinikkonzern.

Papst Franziskus hätte das sicher nicht gut gefunden. Bei einer Audienz für Krankenpfleger hat er vor einiger Zeit nicht nur angeprangert, dass die Belange der Schwachen wenig zählen. Und stattdessen Effizienz und Gewinn im Vordergrund stehen. Mit seinem Blick für die Menschen am Rande hat er einen ganz wichtigen Satz gesagt, wie ich finde: "Vergesst nicht die 'Medizin der Zärtlichkeit', sie ist so wichtig: ein Streicheln, ein Lächeln bedeuten dem Kranken so viel". Der Papst ist bekannt dafür, dass er spontan zum Telefon greift und Menschen anruft. Ich würde mir wünschen, dass er einmal die Nummer der Aufsichtsräte dieser privaten Klinikkonzerne wählt.  

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