Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

14SEP2020
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Es ist kalt. Der Wind pfeift über den Bahnsteig in Oderberg. Elisabeth wartet mit ihrer 10-jährigen Tochter auf den Zug nach Berlin. Gott sei Dank ist es so kalt. Da kann das kleine Mädchen den etwas zu großen Wintermantel anziehen. Und niemand bemerkt, dass sie darunter eine Hose, zwei Unterröcke, ein Kleid, einen Pullover und zwei Jacken trägt. Am anderen Ende des Bahnsteigs steht Elisabeths ältere Tochter. Sie haben verabredet nicht miteinander zu sprechen, bis sie angekommen sind. Kurz vor der Abfahrt dann eine Schrecksekunde: Die beste Freundin von Elisabeths Tochter taucht am Bahnhof auf, Elisabeth sieht ihre Tochter mit durchdringendem Blick an. Die Freundin fragt wohin sie fahren. „Nach Berlin, zu Tante Martha“. Und wann sie wiederkommen, will sie wissen. „Heute Abend“. Die Rückfahrtickets hat Elisabeth tatsächlich in der Tasche. Knapp zwei Stunden später haben sie es geschafft. Sie sind in Berlin, in der amerikanischen Zone. Der Kontrolleur hat keinen Verdacht geschöpft. Sie sind ohne Koffer gefahren, haben alles zurückgelassen an diesem Tag im Frühjahr 1953. Sie besitzen nur das, was sie am Körper tragen. Das Kleid unter dem Mantel des schmächtigen Mädchens ist ein Kommunionkleid. Elisabeth und ihre Kinder sind katholisch und weil sie an verbotenen Gottesdiensten teilgenommen haben, sind die Kriegsvertriebenen aus Polen ins Visier der Stasi geraten. Bis Elisabeths Tochter ihre beste Freundin wiedersieht, wird es mehr als 30 Jahre dauern.

Das ist eine Geschichte, die ich meinen Kindern vor einigen Jahren erzählt habe. Nachdem mir zuvor meine Mutter von diesem Ereignis erzählt hatte. Denn es ist ihre Geschichte, sie ist das 10-jährige Mädchen mit den vielen Unterröcken. Die Vertreibung nach dem zweiten Weltkrieg, die Flucht, der Mauerbau – das alles gehört zu unserer Familiengeschichte. Damit wir sie nicht vergessen, erzählen wir sie weiter.

Erzählen ist eine ganz besondere Form der Kommunikation. Daran hat Papst Franziskus in diesem Jahr erinnert. Jedes Jahr ruft er den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel aus; gestern wurde er in Deutschland begangen. „Damit Du deinem Sohn und deinem Enkel erzählen kannst“ (Ex. 10,2). Das Leben wird Geschichte“. So heißt das Thema in diesem Jahr und der Papst hat für mich in sehr eindrucksvollen Worten ein Plädoyer für das Erzählen formuliert:

„… ich glaube, dass wir, wenn wir uns nicht verlieren wollen, die Wahrheit guter Geschichten nötig haben wie den Atem: Geschichten, die erbauen, nicht zerstören; Geschichten, die uns helfen, unsere Wurzeln und die Kraft zu finden, gemeinsam voranzugehen. Im Wirrwarr der uns umgebenden Stimmen und Botschaften brauchen wir ein menschliches Erzählen … Eines… das erzählt, dass wir Teil eines lebendigen Gewebes sind und das zeigt, wie sehr die Fäden, die uns aneinanderbinden, miteinander verflochten sind.“

Wie meine Mutter und ich, wie ich und meine Kinder.

https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2020-01/papst-franziskus-botschaft-welttag-kommunikationsmittel-2020.html

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31631