Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

01AUG2020
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Nützt es etwas zu beten? Die Antwort auf diese Frage hängt wohl davon ab, wie wir das Wort „beten“ und die Wendung „es nützt etwas“ verstehen. Wenn der „Nutzen“ des Gebets darin liegen soll, dass sich damit einfach alle meine persönlichen Wünsche erfüllen, dann ist das wohl ein Missverständnis. Beten hat keine Wunscherfüllungsgarantie. Nirgendwo in der Bibel wird das gesagt.

Beten ist nicht der Ersatz für zupackendes und zielführendes Handeln. Dass Handeln und Beten auseinanderfallen oder gar einen Widerspruch darstellen, ist ein altes Vorurteil. Beten ist aber auch nicht die magische Kunst, dasjenige mit irgendwelchen übernatürlichen Mitteln zu bewerkstelligen, was sich meinem direkten instrumentellen Zugriff entzieht.

Beten ist zunächst einmal ein Einstimmen auf das Wesen und den Willen Gottes. Im Gebet mache ich mich mit Gott und seinem Willen eins. Deshalb lautet eine der Anfangsbitten des Vaterunsers: „Dein Wille geschehe.“ Deshalb spricht Jesus vom Beten „in seinem Namen“.

Beten verändert, ja, aber es verändert zunächst einmal mich selbst. Und es verändert das übliche Denkmuster, die Wirklichkeit nach meinen Wünschen formen zu wollen. Der Erfolg des Betens könnte also geradezu darin bestehen, dass ich von Wünschen frei werde. Wie gesagt: „könnte“.

Das Gebet filtert und reinigt mein oberflächliches Wunschdenken. Ich will an einem Beispiel zeigen, was ich meine. Mein Gebet könnte so aussehen: Gott, der du mir als Mensch ganz nahe gekommen bist in unserem Bruder Jesus Christus: Ich darf dich „Vater“ nennen, weil du mich liebst wie dein eigenes Kind. Du hast mir zugesagt, meine Bitten, die ich in deinem Namen vor dir ausspreche, zu erhören. Doch nicht wie ich es will, sondern wie du willst, soll es geschehen.

Im Gebet prüfe ich meine Wünsche. Zunächst einmal werde ich mir beim Beten dessen klar, was mein Leben vor Gott bedeutet. In diesem neuen Licht besehen mag es dann immer noch vieles geben, was mich umtreibt, was mir Sorgen bereitet, ja, was ich mir an Gutem, oder besser: an Segen wünsche – für mich und die lieben Menschen, die mir nahe stehen, für die Beziehungen, in denen ich lebe, und für die Gemeinschaften, in denen ich stehe, für diese Welt und ihre Menschen. Im Vertrauen auf Gott lege ich diese Wünsche vor ihn hin, vertraue sie ihm und seinem Willen an.

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