Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

30JUL2020
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„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“ – nicht nur in diesem Lied von Reinhard Mey verbindet sich das Fliegen mit dem Gefühl von Freiheit. Bisweilen dichten wir sogar den Vögeln eine besondere Freiheitserfahrung an. Ernüchternd wirkte auf mich einmal die Feststellung eines Ornithologen: „Vögel fliegen nicht, weil sie Lust dazu haben, sondern weil sie es müssen!“

Dennoch kann ein Blick in die Natur gleichnishaft sein und mir neue Sichtweisen im Blick auf menschliches Leben eröffnen, ja auf das Leben überhaupt.

Seit einigen Monaten beobachten meine Frau und ich über eine Webcam eine Storchenfamilie in ihrem Nest irgendwo in Brandenburg: Es begann mit dem Ausbrüten der Eier und dem Schlüpfen der Nestlinge.

Wir nehmen das aus menschlicher Perspektive wahr, finden es süß und putzig. Doch dann geschieht etwas, das auf menschliche Gefühle irritierend wirkt: Eines Tages nahm einer der erwachsenen Störche ein Junges und schleuderte es durch die Luft, bis es reglos im Nest liegen blieb. Eine Form der Selektion! Nur die Stärksten überleben. Vorsicht also mit der Vermenschlichung der Natur!

Inzwischen sitzt nur noch ein Jungstorch im Nest. Die Eltern kommen gelegentlich vorbei, um ihm Nahrung zu bringen. Er kann ja noch nicht ausfliegen, um sich selbst zu versorgen. Seine ersten Flugstunden werden diejenigen zu Beginn seines großen Flugs in den Süden sein.

Nehme ich die Beobachtung des Jungstorchs als Sinnbild, dann erinnert es mich an meine eigenen Vorstöße ins Unbekannte, ins Offene. Irgendwann gilt es. Dann musst du raus aus dem Nest.

Das gibt es im Grunde jeden Tag, vor allem aber an Wendepunkten des Lebens: beim Antritt einer neuen Arbeitsstelle, bei einem Umzug, beim Eintritt in den Ruhestand.

Immer wieder gibt es solche Wagnisse, denn ein Wagnis ist es: Du musst das tun, was in dir angelegt ist. Du musst es wagen. Ohne einen Erst- oder Zweitversuch. Es gibt nur diesen Augenblick.

Und zugleich führt mich das Bild vom Jungstorch kurz vor seinem großen Aufbruch zurück an mein Grundvertrauen: Du kannst es. Gott hat es in dich hineingelegt. Also wage es! Pack die Zukunft an! Brich auf, hinein in einen neuen Tag.

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