Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30JUL2020
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Vom Sklaven zum Bruder. Das klingt wie ein Märchen, ist aber eine biblische Geschichte. Unterschiede zwischen Menschen waren damals ein großes Thema und sind es auch heute noch. Umso wichtiger finde ich, dass die Bibel schon vor so langer Zeit davon spricht, dass Menschen absolut gleichwertig sind. Im Christentum heißt das etwas sperrig „Statusgleichheit“.

Genau darum geht es in einem kleinen Büchlein der Bibel. In einem Brief, den der Apostel Paulus an einen Mann namens Philemon schreibt.

Philemon ist Christ und ein vermögender Mann in Kolossä. Das liegt in der heutigen Türkei und gehörte damals zum römischen Reich. Onesimus ist sein Sklave und in allem, was er tut und wie er lebt, von Philemon abhängig. Eines Tages hält Onesimus das nicht mehr aus und haut ab. Für Philemon entsteht dadurch ein finanzieller Schaden, denn so ein Sklave ist teuer. Und selbst wenn er Onesimus wiederfindet: Ein Sklave, der einmal abgehauen ist, ist weniger wert.

Irgendwann begegnet Onesimus Paulus und Paulus tauft ihn. Auch Onesimus ist jetzt Christ. Und als Christ schickt Paulus ihn zu seinem Besitzer, zu Philemon, zurück. Mit der Bitte: „Nimm Onesimus nicht mehr als Sklaven, sondern als geliebten Bruder auf!“ (Phlm 15) Das ist für die damalige Zeit schier undenkbar und stellt die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf. Doch für Paulus ist das nur konsequent. Ihm ist klar: Unter denen, die zu Jesus gehören, kann es keine Sklaven mehr geben. Jesus hat das vorgelebt und zu den Menschen, die mit ihm unterwegs waren, gesagt: „Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt (Joh 15,15).“

Paulus löst mit dieser Aktion nicht das Sklavenproblem der Zeit, aber er zeigt, was in christlichen Beziehungen gelten soll: alle haben die gleiche Würde und sollen einander auf Augenhöhe begegnen.

Das ist der christliche Anspruch bis heute. Der gilt überall da, wo wir Menschen miteinander zu tun haben. Zuhause, in der Familie, unter Freunden, Arbeitskollegen und Geschäftspartnerinnen. Und auch in der Kirche. Leider gibt es gerade da noch ziemlichen Veränderungsbedarf.

Wie Philemon auf Onesimus Rückkehr reagiert hat, beschreibt der Brief nicht. Leider. Aber ich finde genial, wie Paulus Philemon überzeugt. Er gibt ihm nicht von oben herab die Anweisung, seinen Sklaven freizulassen. Paulus erinnert Philemon an das, was sie miteinander verbindet. Und weist ihn liebevoll, aber bestimmt darauf hin, dass alle Menschen gleichwertig sind.

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