Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

29JUL2020
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Seit ein paar Wochen steht eine schlichte schwarze Box in der Kirche. 1,40 (gesprochen: einsvierzig) auf 1,40 und damit groß genug, dass eine Person bequem darin stehen kann. „Sehnsuchtsbox“ steht in goldenen Buchstaben auf der Wand. Und was damit gemeint ist, wird mir klar, als ich in der Box drin bin. An den Wänden hängen große Bilder, die sofort Erinnerungen an schöne Momente wecken: ein Familienfest mit allen Generationen, ein Festival mit einer tanzenden Menge, ein Bild mit Sommer-Sonne-Strand und Meer und auch eines von einem festlichen Gottesdienst mit vielen Leuten und Gesang. Das alles war in der Corona-Zeit nicht möglich und ist es zum Teil auch heute noch nicht. Viele Menschen haben das schmerzlich vermisst und sehnen sich danach.

Sich nach etwas zu sehnen, gehört zum Menschsein. Wie Hunger oder Durst steckt die Sehnsucht in uns drin. Die Sehnsucht nach einem erfüllten Leben, nach Menschen, mit denen ich mein Leben teilen kann. Wenn meine Sehnsucht enttäuscht wird, dann kann das richtig weh tun.

Die Sehnsucht kann mir aber auch Kraft geben und Lust auf Neues machen. Sie hält mich lebendig und lässt mich daran glauben, dass im Leben noch nicht alles fertig ist, sondern dass es immer noch etwas Schönes für mich bereithält.

Dieser ganze Gefühlscocktail überkommt mich als ich in der Box stehe. Und ich stelle fest: die Sehnsucht hat mich richtig im Griff. Anderen, die vor mir da waren, ging es wohl genauso. Denn es gibt eine Wand, an der man aufschreiben kann, wonach man sich sehnt. Ich lese da: „Ich vermisse meinen Mann, der im Pflegeheim lebt.“ „Ich vermisse die Vorfreude auf Strand, Urlaub und Meer.“ Oder auch: „Ich vermisse es, den Menschen unbefangen gegenüber zu treten.“

Was mir aber vor allem auffällt: dazwischen steht ganz viel Dank! Oft schlicht und manchmal auch ganz konkret, wie: „Für Natalie, die du mir zur Seite gegeben hast“.

Dass wir wegen Corona nicht alles machen können, was wir sonst tun, weckt also auf der einen Seite die Sehnsucht. Auf der anderen Seite macht es aber auch klar, was wir schon haben. Und dass viele dafür dankbar sind. Das zeigt die Wand ganz deutlich.

In diesem Zwischenstadium bewegt sich unser Leben. Wir haben vieles schon, aber eben noch nicht alles. Ich glaube, dass es alles erst gibt, wenn ich tot bin und es dann bei Gott weitergeht. Da, hoffe ich, werden alle meine Sehnsüchte gestillt und ich bin vollkommen glücklich.

Das heißt aber nicht, dass ich so bald wie möglich sterben will, sondern dass ich mein Leben hier auf der Erde, so gut es geht, genieße und mich von der Sehnsucht antreiben lasse.

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