Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

28JUL2020
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In Krisenzeiten zeigt sich, ob Leitbilder tragen. Man kann über uns Deutsche urteilen wie man will – offenbar hat sich unsere Haltung in der Coronakrise positiv ausgewirkt. Vielen Menschen hat das das Leben gerettet. Wir Deutschen sind meiner Ansicht nach ein meist sehr gut organisiertes Völkchen.

Organisation ist nicht alles, aber schon sehr viel. Die Frage der Organisation ist tatsächlich alles andere als banal. Es soll ja schon vor Coronazeiten Beziehungen gegeben haben, die an der Auseinandersetzung darüber, wer wann und wie oft den Müll herunterträgt gescheitert sind. Wenn es also schon eine Leistung ist, die Regeln in einer Familie auszuhandeln, wie erst recht dann die Regeln einer großen Gemeinschaft. Doch eine Organisation ohne passendes Leitbild wird mechanisch und löst kein Gemeinschaftsgefühl aus – geschweige denn kreatives Engagement.

In der Bibel wird erzählt, wie die ersten Christen zu ihrem Leitbild finden. Gemeinschaft, Abendmahl und das Gebet sind dabei wichtige Grundpfeiler. Außerdem teilten die Christen alle Güter untereinander und sorgten für die, die es nötig hatten und nicht aus eigener Kraft überleben konnten. Interessant ist, dass die ersten Christen ihr spirituelles Leitbild mit der Organisation der Finanzen verknüpften. Die Bibel erzählt davon nicht mit einem romantisch-verklärten Erinnerungsauge: Mensch, war das toll damals! Sie erzählt davon, weil es zentral ist, dass in der Kirche niemand wegen seines Geldes mehr oder auch weniger wert ist.

Deshalb kommt es auf das Teilen an. Natürlich hat das schon damals nicht reibungslos funktioniert. Das wird auch in der Bibel nicht verschwiegen. Doch das ändert nichts an der Gültigkeit des Leitbilds.

Dieser Grundgedanke, dass jeder Mensch die gleichen Rechte haben soll, unabhängig von seinen finanziellen Ressourcen, ist ein wichtiges Leitbild auch für Menschen, die mit christlichen Grundgedanken wenig anfangen können. Es sollte also innerhalb und außerhalb der Kirche Geltung haben. Ich halte es für eine Aufgabe für Christinnen und Christen, sich für Gerechtigkeit und Teilhabe in unserem Land einzusetzen und – gemeinsam mit anderen Menschen guten Willens - aktiv darauf hinzuweisen, wenn Realität und Anspruch auseinanderklaffen. Ich möchte jedenfalls nicht in einem Land leben, in dem jeder sich nur selbst der Nächste ist.

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