Manuskripte

SWR3 Gedanken

30JUL2020
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Unser Schweigen ist Gewalt – zum ersten Mal habe ich diesen Slogan auf der Anti-Rassismus-Demo in Freiburg gesehen. Natürlich auf Englisch, da klingt es auch besser: „Our Silence is violence!“

Dass Schweigen vielleicht manchmal eher Silber ist als Gold– geschenkt, aber Gewalt? Auf der Demo höre ich einer Jugendlichen mit dunkler Hautfarbe zu.

Sie erzählt von einem Klassenausflug in der 7. Klasse. Mit einigen Freundinnen hat sie sich bis zur Zug-Abfahrt die Zeit vertrieben. Sie haben sich ein Eis am Kiosk geholt und sind durch eine Parkanlage geschlendert. Dann kamen zwei ältere Jungs. „Äffchen, Äffchen“ hat der eine gerufen und sie an den Haaren gezogen. Ihre Freundinnen haben sofort drei Schritte rückwärts gemacht. „Wo kommst du denn her?“, hat der andere gefragt und dann ergänzt: „Ach so, du kannst ja nur die Affensprache.“
„Ich bin Deutsche“ hat sie gesagt und sich nach ihren Freundinnen umgesehen. Aber die standen völlig verängstigt zusammen und sagten kein Wort.
„Kann gar nicht sein. Du lügst. Dafür musst du bezahlen.“ Der Junge hat ihr Handgelenk gepackt und das Eis weggenommen. Lachend sind die beiden davongelaufen. Sie mag seither kein Eis mehr.

Vielleicht hätte es gar nicht viel gebraucht, um dieser Geschichte einen glücklicheren Ausgang zu geben. Aber die Freundinnen waren noch sehr jung. Und sie hatten so was vorher noch nicht erlebt. Aber wahrscheinlich wissen diese Freundinnen seit damals, was dieser Satz bedeutet: Our Silence is violence – unser Schweigen ist am Ende Gewalt.

Diesen Satz gibt es auch in positiv: „Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache derer, die verlassen sind.“ Steht in der Bibel.

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