Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

31JUL2020
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Manches in dieser Corona-Krise, ich gesteh’s, find ich ja wirklich ganz gut, zum Beispiel: Wie sich die Räume neu sortieren, besonders in den Städten. In Mainz, wo ich wohne, da sind weite Teile des Gutenbergplatzes vor dem Theater jetzt Restaurant- und Kneipenbereich. Überall sitzen die Leute an Tischen und essen Salat oder trinken Wein. Draußen an der frischen Luft ist man sicherer vor dem Virus als drinnen, und Abstand halten sollen wir natürlich auch weiter - deswegen wird der öffentliche Raum im Freien immer großzügiger genutzt. In vielen Straßen hat man auch kurzerhand Parkplätze in Sitzplätze verwandelt. Da, wo eben noch Autos standen, sitzen jetzt Menschen und plaudern und lachen und essen und trinken. Ich find das klasse. Ich trau es mich kaum zu sagen, denn natürlich: Das Virus ist furchtbar, aber: Meine Stadt find ich in diesem Corona-Sommer fast noch schöner als sonst. Und ich hoffe, wir merken uns ein bisschen etwas von dieser neuen Raum-Aufteilung für später und behalten manches bei. 

Wie verteile ich Räume? Wem und was gebe ich Raum? Das sind wichtige Fragen in dieser Zeit, nicht nur für Restaurantbesitzer und Städteplaner, eigentlich für jede und jeden von uns. Das fängt ja schon damit an, dass viele die Räume zuhause neu sortiert haben. Wo baue ich im Homeoffice den Computer auf, wo will ich arbeiten? Wo sollen die Kinder spielen und ihre Schulaufgaben machen? Oder jetzt, wenn viele Ferien haben: Wo sind die Räume, in denen ich mich erholen kann? Wie soll mein Balkon oder Garten aussehen, wenn ich dort Urlaub mache? 

Räume neu sortieren, das hat ja immer auch was von: Leben neu sortieren. Prioritäten neu setzen. In den Städten haben Restaurantgäste oder auch Fahrradfahrer jetzt hier und da mehr Priorität als Autos. Und zuhause hat gerade oberste Priorität: ein Platz, an dem ich durchatmen und mich erholen kann. Für mich zum Beispiel auch: ein Platz, an dem ich gut beten kann. Es ist ein Merkmal dieses Sommers, und ich finde, ein schönes: dass wir uns neue Räume erschließen und sie genießen.

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