Manuskripte

Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

28JUL2020
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Ich bin gerne in Bewegung. Jogge alle paar Tage. Fahre viel Fahrrad. Da kann ich abschalten, mein Körper bewegt sich sozusagen automatisch, mein Kopf geht auf eine ganz eigene Reise. Wenn ich in Bewegung bin, dann mache ich das aber nicht nur für meine Kondition oder fürs Gewicht. Noch wichtiger ist: Ich bin raus. Raus aus dem Alltag. Raus aus all dem, was von mir gefordert wird. Raus aus meinem Trott. In Bewegung sein, das ist ein Rückzugsort für mich. Da kann ich zu mir kommen. Schöpfe Kraft für den Tag.

In vielen Religionen spielt der Rückzug aus der Welt eine wichtige Rolle. Da sind die Eremiten, die ganz alleine irgendwo in der Wüste oder in den Bergen leben. Auf der Suche nach sich, nach Gott, nach einem Einklang mit der Schöpfung. Da sind Pilgerwege und Wallfahrten. Strecken, auf den Menschen mit ihrem Glauben auf dem Weg sind, abseits ihrer gewohnten Pfade. Da sind die kleinen Auszeiten: Der Gottesdienst am Morgen, das Gebet zwischendurch, ein kurzes Innehalten vor dem Einschlafen. Sich aus der Welt zurückzuziehen ist hier mehr, als nur aus der Welt zu sein. Der Rückzug hilft: Gedanken und Kraft zu sammeln, sich zu fokussieren, Wichtiges vom Nebensächlichen zu unterscheiden.

Ich erlebe, dass das bei mir auch funktioniert, wenn ich in Bewegung bin. Beim Joggen oder Radfahren. Das ist für mich auch eine Art religiöse Praxis. Weil ich kurzzeitig aus der Welt bin, um wieder Kraft für mein Leben, für die Welt zu finden. Das ist eine Art Mini-Pilgerreise. Ein Rückzug, der mich für den Alltag stärkt.

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