Manuskripte

SWR3 Gedanken

08JUL2020
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Ich brauche keinen Fernseher, ich habe einen Storch!

Denn auf dem Strommast direkt neben unserem Haus hat im Frühjahr ein Storchenmännchen sein Nest gebaut. Seitdem habe ich einen echten Storchenkrimi am Fenster.

Ich habe alles mitbekommen: wie der Storch wochenlang Äste und Moos hergeflogen hat, wie er ein Weibchen angelockt hat und dabei ständig geklappert hat – zu jeder Tages- und Nachtzeit. Dann haben sich die beiden gepaart und ich konnte es kaum erwarten endlich das Storchenbaby zu sehen.

Störche sind richtig schöne Tiere, ich finde sie sehen erhaben aus, richtig prächtig und stolz. Und wie sie sich um ihre Jungen kümmern, so unermüdlich.

Jetzt habe ich erfahren, dass Störche aber auch richtig brutal sein können. Sie werfen zum Beispiel, wenn sie zu viele Junge haben, die Schwächsten einfach aus dem Nest.

Es ist bei den Störchen ein bisschen so wie bei den Menschen. Wir Menschen können uns auch unendlich kümmern und für andere liebevoll sorgen. Aber gleichzeitig kann jeder Mensch auch ganz plötzlich brutal werden oder gemein. Jedenfalls kenne ich das von mir, dass ich, wenn mein Ego irgendwie angekratzt ist, meine Krallen ausfahre. Dann kann es schon mal sein, ich wünsche jemand anderem was Schlechtes an den Hals, oder ich rede so richtig fies über jemanden.

Störche sind wunderbare Tiere und trotzdem sind sie brutal.

Und wir Menschen? Wir können auch wunderbar sein, aber so richtig, von innen raus, sind wir das erst, wenn wir unseren Kopf einschalten. Wenn wir uns selber stoppen können, dann wenn wir rücksichtslos sind. Wenn ich das schaffe, dass ich mich in so einem Moment kurz neben mich selber stelle und anhalte, dann ist das ein Zeichen für wirkliche innere Größe. Dann bin ich kein stolzes Tier, aber ein Mensch, der stolz auf sich sein kann.

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