Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01JUL2020
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Miteinander zu sprechen und sich dann auch zu verstehen: Das ist eine Kunst. Und keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Manchmal habe ich den Eindruck: Es gibt mehr Kommunikation, die nicht gelingt. Vor allem dann, wenn man sich nicht kennt, und einem anderen seine Meinung schriftlich zukommen lässt, oder gar anonym, was ja per E-Mail oder auf den Plattformen im Internet nicht schwer ist.

Es geht aber auch ganz anders. Und davon will ich erzählen, weil es zwei Menschen glücklich gemacht hat. Ich hatte Anfang Mai einen Gottesdienst im Fernsehen. Ein Mann hat mir daraufhin einen Brief geschrieben, in dem er mich heftig kritisiert. Schon sachlich, aber ich habe dem Schreiber auch angemerkt, dass er verärgert ist. Alles höflich im Ton, bis ganz zuletzt: Da droht er damit, meinen Vorgesetzten zu informieren. Das fand ich übertrieben, habe dann aber die Telefonnummer des Schreibers ausfindig gemacht und zum Hörer gegriffen. Ich dachte mir: Es war schon manchmal gut, dass ich mich persönlich bei jemandem gemeldet habe, also nicht zurückgeschrieben, mich nicht verteidigt habe. Sondern mich zu erkennen gegeben habe: von Mensch zu Mensch. Und tatsächlich: Nach wenigen Augenblicken war das Eis zwischen uns gebrochen. Da hat schon geholfen, die Stimme des anderen zu hören. Welcher Ton angeschlagen wird. Und wir sind ganz ruhig und freundlich miteinander geblieben. An unseren Differenzen in der Sache hat das nichts geändert. Die sind geblieben. Aber wir konnten sie stehen lassen, und haben dem Gegenüber nicht abgesprochen, dass jeder es recht meint und gut machen will.

Nach ein paar Tagen kam nochmals ein Brief von ihm. Handschriftlich diesmal. Und sichtlich von einem geschrieben, dem das wegen seines hohen Alters nicht mehr ganz leicht fällt. Der Inhalt des Briefs ist sehr herzlich und persönlich. In wenigen Sätzen erzählt der ältere Herr aus seinem Leben, vor allem von den Wunden, die das Leben bei ihm hinterlassen hat. Vom Krieg, von Menschen, die er verloren hat, und von den Themen, die sein Leben bestimmt haben. Ich war tief berührt. Einen Satz aus dem zweiten Brief finde ich sehr weise. Er lautet: „Wenn ich auch nach wie vor zum Inhalt meines Briefes stehe, trotz verschiedener Meinungen, so empfand ich Ihren Anruf als ein Stück Seelsorge“. Wie schön, dass es eben auch so gehen kann, dass zwei Menschen sich verstehen. Und hinterher glücklich sind. Beide.

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