Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

30JUN2020
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Im Verkehr auf deutschen Straßen geht es aggressiv zu. Aggressiver als früher. Es gibt statistische Erhebungen, die das bestätigen. Es wir gedrängelt und gehupt, zu schnell gefahren; und in etlichen Autos sitzen wild gestikulierende Zeitgenossen, die sich furchtbar über einen anderen Teilnehmer im Straßenverkehr ärgern. Und leider bin ich manchmal auch einer von ihnen. Wie peinlich! Wie schlecht!

Warum sind wir im Straßenverkehr so enthemmt wie sonst kaum irgendwo? Und was kann ich dagegen tun? Wenn schon der gesunde Menschenverstand allein es nicht schafft, könnte unter Umständen helfen, dass ich Christ bin. Und mich deshalb bestimmten Prinzipien verpflichtet weiß. Etwa: Nicht den Splitter im Auge des anderen zu suchen, bevor ich den Balken aus meinem eigenen gezogen habe[1]. Also immer bei mir selbst anzufangen, mich nicht über andere ärgern, weil es dazu genügend Gründe bei mir selbst gibt. Noch wichtiger wäre es, mit gutem Beispiel voranzugehen. Indem ich einem Unfreundlichen freundlich begegne. Mich nicht provozieren lasse. Jesus hat bei solchen Gelegenheiten in den Sand gemalt, als man ihn zu Gewalt in einer Entscheidungssituation überreden wollte[2]. Das würde im Straßenverkehr für mich bedeuten - im wahrsten Sinn des Wortes: Einen Gang rauszunehmen, runterschalten, Weg vom Gas.

Im Auto sind wir weitgehend anonym. Geschützt in einer Kiste aus Blech. Anders als an der Kasse im Supermarkt. Wenn wir den anderen nicht kennen, gar nicht wissen können, warum er sich gerade so verhält, nehmen wir uns ein Verhalten heraus, das wir sonst vermeiden würden. Wir halten uns für den besseren Autofahrer, den anderen für einen Versager. Wenn wir dann noch im Stau stehen oder nicht so schnell vorankommen, wie wir uns das vorgestellt hatten, dann ist es oft vorbei mit der guten Kinderstube. Mir hilft es schon ein bisschen, wenn ich mir dessen bewusst bin. Oder wenn mich ein Beifahrer darauf hinweist, dass ich mich immer im Recht fühle und nur die anderen Fehler machen. Hinterher ärgere ich mich über mich selbst. Aber dann ist’s zu spät. Ich finde: Der Straßenverkehr ist ein gutes Lernfeld. Um geduldiger zu sein - mit mir und anderen. Um zu kapieren, dass Wut und Egoismus nicht weiterbringen. Ein Lernfeld nicht nur für Christen. Aber eines, wo Christen mit gutem Beispiel vorangehen können.

 

[1]vgl. Mt 7,3

[2]vgl. Joh 8

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31193