Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

25JUN2020
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„Wie soll das jetzt weitergehen?“ Die Frage höre ich oft, wenn irgendwas die eigenen Pläne stört. Wenn das Leben durcheinanderkommt: wie jetzt, durch eine Pandemie. Aber das gibt es ja auch sonst: eine Beziehung geht zu Ende, ein Kind kündigt sich an und war nicht geplant, der Arbeitsplatz gerät in Gefahr, ein Mensch stirbt unerwartet. Auf einmal sind alle Pläne Makulatur und man muss sich fragen: Und wie geht es jetzt weiter?

Die meisten Menschen möchten Sicherheit, möchten wissen wie es weitergeht. Nur keine Ungewissheiten. Ein Mann namens Jakobus, einer der ersten Christen, hat sie schon so beschrieben: „Ihr sagt, heute oder morgen wollen wir in diese oder jene Stadt reisen, … Geschäfte machen und Gewinne erzielen“ (Jak 4, 13).

Ich finde, heute kreisen die Pläne vieler Menschen um dieselben Dinge: Reisen und Geld verdienen. Reisen und Erfolg haben. Wenn diese Pläne in Gefahr geraten, dann werden Menschen unsicher. Und Unsicherheit ist schwer zu ertragen, wenn man Pläne hat. Wenn irgendwas die eigenen Pläne einschränkt, dann wird man wütend und protestiert oder man fühlt sich total hilflos.

Jakobus kennt das. Und er fragt: „Aber was ist denn euer Leben“? Reisen? Geld verdienen? Gewinn machen? Mir ist neulich aufgefallen, dass das Wort „Leben“ in seiner Aufzählung gar nicht vorkommt. Ist Reisen denn alles? Geld verdienen, Gewinn machen? Gibt es nicht mehr, was auch Leben sein könnte?

Das gute Gefühl zum Beispiel, etwas für andere zu bedeuten? Ich denke an den kleinen Jungen, der sich aufmachen wollte zum Bahnhof, um die Oma zu besuchen. Solche Liebe kann man für kein Geld kaufen. Was ist Leben? Die Erfahrung, dass ich etwas tun kann für andere? Ich denke an Pfleger und Pflegerinnen, aber auch an Politiker, die versuchen, anderen jetzt Zukunft zu ermöglichen? So, dass alle leben können. Oder an Vermieter, die ihre Wohnungen nicht zum Höchstpreis vermieten, sondern sich freuen, wenn eine Familie sich darin wohlfühlt. Ich denke an die Frau im 3. Stock in Kurzarbeit, die sicher genügend eigene Sorgen hat. Aber sie freut sich, dass sie Zeit hat für die Kinder aus dem 2. Stock.

Soll man also lieber gar nicht planen? Ich glaube nicht, dass Jakobus das gemeint hat. Das Leben planen, das ist schon wichtig. Aber dabei immer wieder fragen: Was ist denn mein Leben? Was soll mein Leben ausmachen?

Leben ist mehr als Reisen und Geld verdienen, mehr als Handel und Gewinn. Zu solchem Leben gebe Gott uns Phantasie und Kraft.

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