Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

24JUN2020
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Der Blick in den Spiegel ist nicht immer angenehm. Vor allem frühmorgens nicht, wenn die Haare verstrubbelt sind, die Augen noch klein und müde, und überhaupt tut einem alles weh. Manchmal möchte ich am liebsten den Spiegel im Bad abhängen, so deprimiert mich, was ich sehe.

Neulich habe ich so etwas Ähnliches meiner Schwiegertochter erzählt. Und die hat gesagt: „Aber Du sagst doch, dass Gott die Menschen gemacht hat. Findest Du das höflich, wenn der hören muss: ‚So ein Mist! Das ist aber nichts geworden!‘ -- Ich finde das unhöflich.“

Meine Schwiegertochter wollte nur einen Spaß machen. Aber mich hat das bewegt. Hat sie nicht recht? Ich bin oft unzufrieden. Mit mir. Mit meinem Leben. Aber unhöflich? Unhöflich bin ich eigentlich nicht und will ich auch nicht sein. Auch nicht zu Gott, meinem Schöpfer.

Also habe ich mich zur Höflichkeit gerufen. Gott hat mich doch bestimmt nicht hässlich gemacht und mein Leben nicht langweilig und missvergnügt und bitter gewollt. Ich habe ein bisschen gesucht und bald sind mir die anderen Dinge eingefallen – die schönen. Der Rosenstock auf meinem Balkon. Anfang Juni hat er über und über geblüht. Mein Lieblingsmensch: Wie schön sind die Ausflüge mit ihm. Der neue Kollege: Erst fand ich ihn ein bisschen schüchtern. Aber er ist klug und hat gute neue Ideen, die auch mich weiterbringen.

Ich könnte noch mehr aufzählen. Und mein Spiegelbild? Wenn ich beim Friseur war, bin ich eigentlich ganz zufrieden mit mir. Und wenn ich lache, dann strahlen die Falten und machen auch andere fröhlich. Natürlich, wie die Models in den Zeitschriften für ältere Frauen sehe ich nicht aus. Aber neulich auf dem Weg zur Arbeit hat mich eine Frau angesprochen, ich kannte sie gar nicht: „Sie sehen aber toll aus. Das steht ihnen, was Sie da anhaben!“ Ich habe damals gedacht – die spinnt ja, einen einfach so anzusprechen. -- Aber vielleicht war sie ja ein Engel? Eine Botin von Gott, der mich erinnern wollte: Ich habe dich schön gemacht. Eine Freude für andere. Vergiss das nicht!

Meine Schwiegertochter hat Recht. Es ist unhöflich, ein Geschöpf Gottes hässlich und misslungen zu finden. Und unhöflich will ich nicht sein. Also werde ich in Zukunft einmal öfter zum Friseur gehen. Ich arbeite diszipliniert an einem neuen Projekt, das mir Spaß macht. Ich bemühe mich, das Gute und Gelungene in meinem Leben zu sehen. Dann kann ich die anderen anlachen, damit meine Falten sie anstrahlen.

Zugegeben: Morgens, beim Blick in den Spiegel klappt das nicht immer. Aber nach dem Zähneputzen, Gymnastik und Duschen geht es schon besser.

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