Manuskripte

Anstöße sonn- und feiertags

21JUN2020
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„Bis hierher hat mich Gott gebracht.“ So fängt ein bekanntes Kirchenlied an. Sie kennen das vielleicht. Mich erinnert es an den Hauptmann von Köpenick. In dem Film mit Heinz Rühmann singt das die Versammlung der „Zuchthäusler“, wie man damals gesagt hat, beim Gefängnisgottesdienst. „Bis hierher hat mich Gott gebracht.“ Ich musste darum bisher immer ein bisschen schmunzeln, wenn ich das Lied singen sollte.

Vor ein paar Wochen habe ich es ganz neu gehört. Ein alter Mann hat es als Vorsänger im Gottesdienst gesungen, als wir zum ersten Mal wieder miteinander feiern konnten. „… bis hierher hat er Tag und Nacht bewahrt Herz und Gemüte, bis hierher hat er mich geleit‘, bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen“. Da habe ich nicht mehr an Heinz Rühmann gedacht, sondern an das schöne Wetter in den ersten schlimmen Corona-Wochen, an mein Enkelkind, das in diesen Wochen vorher geboren war, an die vielen Fotos und selbstgemalten Bilder von den anderen. Auf einmal hat mich das Lied ganz anders angerührt „bis hierher hat er mich erfreut, bis hierher mir geholfen“.

Wieder zu Hause habe ich nach dem Dichter des Liedes geforscht – und rausgefunden: Es war eine Dichterin. Ämilie Juliane von Schwarzburg Rudolstadt. 1637 auf der Flucht vor den Schrecken des 30jährigen Krieges geboren. Mit 4 Jahren hat sie beide Eltern verloren. Ihre Patentante hat sie aufgenommen. Als sie 9 war ist ihr Pflegevater, von ihren eigenen beiden Kindern ist später eines noch als Säugling gestorben. Sicher war sie wohlhabend und lebte auf einem Schloss in Thüringen – aber ihr Leben war von Anfang an von Verlust und Tod umgeben. Trotzdem war ihre Erfahrung: „Hab Lob und Ehr, hab Preis und Dank für die erwies‘ne Treue…“

Sie hat sich auf Gottes Hilfe verlassen und genau deshalb hat sie auch nicht die Hände in den Schoß gelegt. Sie hat sich politisch und diakonisch für Ihre Mitmenschen eingesetzt. Vor allem für Frauen. Später hat diese Ämilie von Schwarzburg-Rudolstadt ein Trost-, Gebet- und Liederbuch für Frauen zu Ehe, Schwangerschaft und Geburt geschrieben. Die Arbeit der Hebammen hat sie gefördert. Sie hat allen weitergeben wollen: „durch Christi Blut hilft mir mein Gott, er hilft wie er geholfen“.

Mitten in der Corona-Zeit habe ich gemerkt, wie gut das tut: Wenn man auf das Gute schaut, das man bisher erlebt hat. Dann kann man auch die bösen Tage annehmen und hoffnungsvoll nach vorn schauen. Gott „hilft, wie er geholfen!“

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