Manuskripte

Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

31JUL2020
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Die Erinnerung und die Trauer überschatten diese Tage für uns Juden. Gestern begingen wir mit schwerem, ganztägigem Fasten den Gedenktag der Zerstörung unserer heiligen Stadt Jerusalem, am neunten Tag des Monats Aw.

Die Zerstörung des Tempels beendete die Existenz des selbständigen jüdischen Staates, - vor 2000 Jahren und die Zerstreuung unseres Volkes in alle Welt. In vielen Gegenden sind Juden noch immer eine unterdrückte, benachteiligte Minderheit. Auch daher gilt Jerusalem als Hort der Erlösung.

Die Worte des Propheten Jesaja bilden die synagogale Lektüre für diesen Trauertag: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer G-tt; redet zum Herzen Jerusalems und rufet ihr zu, dass erfüllt ist ihre Leidenszeit…“ (Jes. 40: 1-2) Ein bekannter Gelehrter wies auf die Gründe für die Wiederholung des Anfangswortes von Jesaja: „Tröstet, tröstet mein Volk“- hin. Diese sollen unsere Aufmerksamkeit auf die kommende Erlösung Israels lenken.

Die Rabbinen meinen, dass die Erlösung in der Hand G-ttes liegt. Die rabbinische Exegese begründet diese Vorstellung mit einem weiteren Vers des Propheten Jesaja: (Jes. 60:22) Dort lesen wir: Ich, der Herr, werde… die Erlösung, wenn die Zeit anbricht hervorrufen.“, d.h. beschleunigen. Der Talmud (Sanh.98a) meinte hier zunächst einen Widerspruch entdeckt zu haben: Wann sollten wir die Erlösung erwarten? Schnellstmöglich, d.h. beschleunigt, oder aber „, wenn die Zeit anbricht“? Die Antwort lautet: wenn sich die Israeliten verdient gemacht haben, so könnte der Herr sein Erlösungswerk beschleunigen. Sollten die Israeliten es nicht „verdient“ haben, käme die Erlösung des Herrn,- „wenn die Zeit anbricht“, also verspätet. Jerusalem wird, ebenso wie ihre Heimkehrenden nur durch Gerechtigkeit ihrer Einwohner erlöst werden. (Jes.1:25)

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