Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

10JUN2020
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Seit zwei Monaten arbeite ich an einer neuen Stelle. Und erlebe dort, wie freundlich die Menschen zu mir sind. Die einen freuen sich, wenn ich etwas anders mache als sie es gewohnt sind. Gleichzeitig loben andere mich, weil sie merken, dass ich nicht gleich alles auf den Kopf stelle. Manchmal ist mir das irgendwie peinlich. Eigentlich müsste es das ja erst mal nicht sein. Denn ich bin ja gleichzeitig offen für Kritik. Ich will nicht nur gelobt werden, ich will auch kritisiert werden. Aber mit beidem muss ich umgehen können. Gerade in so einer Anfangssituation.

Kritik ist für mich immer die Chance zu lernen, wie ich etwas besser mache. Deshalb hole ich mir oft von anderen Kritik ein. Vor kurzem habe ich dabei aber gemerkt, dass ich manche Punkte doch nicht so leicht wegstecke, wie ich dachte. Ich habe einen Kollegen gefragt, ob er eine E-Mail von mir zu fordernd und provokativ findet. Als er gesagt hat, dass er es schon grenzwertig findet, was ich geschrieben habe, habe ich erst mal geschluckt. Dabei hatte ich ihn selbst danach gefragt. Und er hat ehrlich geantwortet. Das will ich ja auch. Und trotzdem hab ich gemerkt, dass ich jetzt lieber etwas Anderes gehört hätte.

Ich will lernen, wie ich mit der Kritik umgehe, die ich bekomme. Also, dass ich mich nicht demotivieren lasse und gleichzeitig das annehme, worin ich mich verbessern kann. Und genauso will ich lernen, Lob anzunehmen.

Der buddhistische Mönch Thich Nath Than hat einen Satz gesagt, der mir dabei hilft. Der Satz lautet „Teilweise hast Du recht“. Wenn ich mit einem „Teilweise hast Du recht“ auf Kritik antworte, gewinne ich zuallererst Zeit. Ich kann Kritik verdauen und darüber nachdenken. Das ist taktisch klug. Aber ich gehe auch davon aus, dass es stimmt. Jeder, der etwas kritisiert, spricht irgendwo auch einen Punkt an, der zurecht verbessert oder verändert werden kann. Und jeder, der etwas lobt, trifft damit etwas Gutes.

Das Gute an diesem Satz von Thich Nath Than ist, dass er mir hilft, dass ich negative Kritik so zwar ernst nehme, aber mich durch sie nicht völlig aus der Bahn werfen lasse. Gleichzeitig ist er für mich aber auch ein Patentrezept, wie ich Lob annehmen kann. Ich sehe das, was ich gut gemacht habe und werde nicht überheblich, wenn ich sagen kann: Teilweise hast Du recht.

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