Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

09JUN2020
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In der Zeit während des Stillstands in der Corona-Pandemie habe ich abends oft noch einen Spaziergang durch den Park gemacht. Dabei ist mir immer wieder das Lied „Sound of silence“ von Simon and Garfunkel in den Sinn gekommen. Der Klang der Stille. Genauso war es da im Park: Wo sonst junge Leute im Gras sitzen und Musik hören oder Sport treiben: Stille. Wo sonst abends kleine Gruppen von Leuten sich zum Grillen treffen: still. Und erst recht war es still auf dem Spielplatz, der mit Sicherheitsbändern abgesperrt war. Dieser „sound of silence“, dieser Klang der Stille hat aufs erste etwas Unheimliches gehabt. Es war still, weil kein Leben da ist. Aber es war gleichzeitig auch schön und wohltuend, weil meine Gedanken dabei ruhiger geworden sind und ich mich in dieser Stille erholen konnte.

In dem Lied geht es aber nicht nur um die Stille. Die erste Strophe fängt an mit „Hello, darkness, my old friend“ – „Grüß Dich, Dunkelheit, meine alte Freundin“. Und dann ist die Rede von Nächten, in denen man vor Sorgen nicht schlafen kann. Als ob Stille und Dunkelheit zusammengehören. Wenn ich aber nachts wach liege und über meinen Sorgen grüble, sind Dunkelheit und Stille keine Freunde für mich. Sie drücken meine Stimmung eher nieder. In solchen Nächten, in denen ich mich manchmal sogar eher die Probleme hineinsteigere hilft es mir eher, dass ich mir sage, dass ich die Dinge bei Tag betrachtet sicherlich wieder anders sehen kann. Meistens stimmt das auch und ich sehe am nächsten Morgen schon klarer. Ich denke aber, dass es das auch braucht, dass ich durch diese Nächte durch muss und dass ich die Erfahrung mache, dass ich die Veränderung zum Guten nicht erzwingen kann, sondern dass sie von selbst kommt. Wie der nächste Morgen. Und der fängt schon an, wenn die Nacht am dunkelsten ist.

Als Christ fängt für mich da der Glaube an. Ich will mich darauf verlassen, dass Gott gerade dann, wenn ich nichts höre, nichts sehe und nichts beeinflussen kann, mein Leben zum Guten lenkt. Auch wenn dieses Gute dann vielleicht anders ist, als ich es mir vorgestellt habe.

Wenn jetzt der Alltag mit seiner Lebhaftigkeit zurückkehrt und das Rauschen des Straßenverkehrs und die Leute in der Stadt die Stille wieder überdecken, suche ich abends immer wieder solche Augenblicke der Stille. Und wenn mir wieder die Liedzeile in den Kopf kommt „Grüß Dich, Dunkelheit, meine alte Freundin“, erinnere ich mich daran, dass der dunkelste Punkt der Nacht der Punkt ist, an dem der nächste Tag beginnt. Und mit ihm das Leben.

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