Manuskripte

SWR4 Abendgedanken

08JUN2020
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Heute haben alle Namenstag, die Helga heißen. Auch meine gute Freundin. Wenn ich an sie denke, bin ich sehr dankbar. Die Helga, die ich kenne, ist ein besonderer Mensch. Sie ist immer für die anderen da und sorgt sich um sie. Wenn ich mit ihr telefoniere, klingt sie meistens aufmunternd. Sie ist immer die, die zuerst mich fragt, wie es mir geht. Und wenn ich sie persönlich treffe, kommt sie mir schon mit einem Lächeln entgegen und bietet mir erst einmal einen Kaffee an. Sie hört zu, fragt nach und fühlt mit, wenn ich von mir erzähle. Nach einer Begegnung mit Helga gehe ich immer beschwingt wieder von ihr fort.

Es gehört zu ihrer Persönlichkeit, mit anderen mitzufühlen. Aber ich weiß auch, dass das ihre Art ist, ihren Glauben zu leben. Sie spricht nicht davon, dass sie überzeugt ist, dass Gott sich um uns Menschen sorgt. Sie lässt es die anderen lieber gleich spüren, wenn sie ihnen diese Sorge schenkt.

Ich genieße die Begegnungen mit Helga sehr, weil ich mich gerne von ihrer Laune anstecken lasse. manchmal wirkt das in mir weiter. Dann gehe ich genauso mit einem Lächeln auf andere Leute zu, kümmere mich zuerst um sie und stelle erst einmal hinten an, wie es mir gerade geht.

Aber wie fast alles im Leben hat auch dieses Verhalten eine Kehrseite. Wenn sich ein Mensch wie sie immer nur um die anderen kümmert, dann finden die anderen das irgendwann normal. Sie erwarten, dass es erst einmal um sie geht und dass sie so selbstlos umsorgt werden. Und die, die sich so um die anderen kümmern, kommen irgendwann zu kurz. Denn sie sind ja auch Menschen, denen es gut tut, wenn sich jemand um sie kümmert. Ich habe mir deshalb vorgenommen, dass ich bei einer Begegnung mit so einem Menschen wie Helga auch mal der sein will, der sich zuerst um den anderen sorgt. Wenn wir uns sehen, frage ich nach, wie es ihr geht, anstatt mich dem wohligen Gefühl hinzugeben, dass es jetzt nur noch um mich geht.

Ich bin dankbar, dass ich Helga kenne und noch ein paar andere Menschen, die zwar anders heißen, aber genauso handeln. Dass ich solche Menschen kenne, macht die Welt für mich ein bisschen besser. Heute Abend denke ich dankbar an alle Menschen, die für mich auf ihre Art heilbringend sind. Mir sind sie heilig, weil ich bei ihnen erlebe, wie Gott sich den Menschen gedacht hat: als Hilfe für den anderen. Ich will auch ein wenig heilig sein als so eine Hilfe für andere.

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