Manuskripte

SWR2 Lied zum Sonntag

07JUN2020
AnhörenDownload
DruckenAutor

Das heute Lied zum Sonntagantum ergo“ ist kein Lied im üblichen Sinn. Es besteht aus den letzten beiden Strophen des gregorianischen Hymnus‘ „Pange lingua“ und verweist auf den kommenden Fronleichnamstag. Gerade, wenn es in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie nur kleine Prozessionen gibt, wird mir dieser Moment fehlen: Die Prozession der ganzen Gemeinde mit der Hostie in der Monstranz kommt zur Kirche zurück. Vor dem Schlusssegen stimmen alle aus voller Brust an „Tantum ergo sacramentum veneremur cernui“. „Kommt und lasst uns tief verehren ein so großes Sakrament“, wie Heinrich Bone den lateinischen Text übersetzt.

 

Wiederholung des Anfangs  

Der Theologe Thomas von Aquin hat den Hymnus im Mittelalter gedichtet. Aber ich finde ihn brandaktuell, wenn es da heißt: „Unser Glaube soll uns lehren, was das Auge nicht erkennt.“

Denn genau das ist für mich mit dem alten Wort „Sakrament“ gemeint: dass ich als gläubiger Mensch die Welt oder eine Sache mit anderen Augen sehe. Ich habe einen kleinen billigen Plastikkugelschreiber. Er sieht aus wie billiger Kitsch, der vermutlich den Geist aufgibt, wenn ich ihn zwei oder drei Mal benutzt habe. Ich habe diesen Kugelschreiber vor Jahren in Rom von einer Bettlerin geschenkt bekommen. Wenn ich ihn sehe, denke ich an diese Frau. Ich bete für sie und für alle, die unter so ganz anderen Umständen wie ich ihr Leben meistern müssen. Dieser Kugelschreiber, der mir hilft, dass ich die Welt mit anderen Augen sehe, ist für mich wie ein Sakrament. 

 

Tantum ergo – Anfangsteil (Schubert)

Ein Kugelschreiber, der mehr ist als ein Kugelschreiber. Das ist wie das kleine Stück Brot, das katholische Christen an Fronleichnam besonders ehren. Dieses Brot ist eben nicht nur zum Sattwerden da. Es verbindet mich mit Jesus. Wenn er sich mit anderen zum Essen getroffen hat, dann nicht nur, damit sie satt werden. Er wollte, dass sie Gemeinschaft mit ihm erleben und spüren, dass auch Gott ihnen nahe sein will. Deshalb hat er sich meistens mit denen getroffen, die sonst in der Gesellschaft ausgegrenzt waren. Und als er vor seinem Tod mit seinen Freundinnen und Freunden zum letzten Mal zu Abend gegessen hat, hat er ihnen klar gemacht, dass ihm dieses Zusammensein so viel bedeutet. Ich glaube daran, dass ich auch zu dieser Gemeinschaft gehöre. Und wenn ich am Abendmahl teilnehme, oder auch, wenn ich das „Tantum ergo“ singe, dann öffnet mir das die Augen für diese Wirklichkeit. Und das ist mir allen Jubel wert: 

Singt in lautem Jubeltone:
Ehre der Dreieinigkeit!
Amen.

(Übersetzung Heinrich Bone 1847)

 

Tantum ergo – Schlussteil (Schubert)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=31058