Manuskripte

SWR4 Feiertagsgedanken

11JUN2020
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An Fronleichnam macht sogar Gott einen Ausflug. So, wie viele an diesem Tag unterwegs sein werden, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Hoffentlich ist das Wetter überall so schön und sommerlich, wie es dafür sein sollte.

In katholischen Gegenden kann man neben den Wanderern und Radfahrern auch Gott dabei beobachten, wie er unterwegs ist. Damit alle aufmerksam werden, tragen die Priester die goldene Monstranz mit dem Abendmahlsbrot durch die Straßen. Vom Abendmahlsbrot hatte Jesus, der Gottessohn, ja gesagt: Das ist mein Leib. Wer also das Abendmahlsbrot durch die Straßen und über die Felder trägt, der trägt Gott selbst ins Freie – jedenfalls symbolisch.

Und Gott ist nicht allein unterwegs. Normalerweise jedenfalls. In diesem Jahr dürfen ihn wegen Corona allerdings nur höchstens 100 Menschen begleiten. Da werden sich die Gemeinden vielleicht etwas Neues überlegt haben. „In normalen“ Jahren aber wird Gott von vielen in einer prächtigen Prozession begleitet. Priester und MinistrantInnen tragen ihre schönsten Gewänder, meistens wird ein goldener Baldachin über der Monstranz getragen. Die Menschen haben ihre Sonntagskleider angezogen, Musik ist dabei, ein Posaunenchor oder der Musikverein, die Gläubigen singen. Häuser und Gärten an den Straßen sind geschmückt. Zuschauer stehen da und manche schwenken Fähnchen. Gott soll sehen, wie schön die Welt im Frühsommer ist und wie fröhlich die Menschen sind. Er hat die Welt geschaffen, glauben wir Christen alle. Und wenn man sie herausputzt und gut pflegt, dann kann man viel besser erkennen, wie gut er sie geschaffen hat. ‚Danke, Gott, dass Du es so gut mit uns meinst‘. Dieses Gefühl stellt sich ein, bei so einer Prozession an Fronleichnam – auch wenn ich als evangelische Pfarrerin nur am Straßenrand zuschaue.

Ich bin sicher, Gott sieht, wieviel Mühe sich die Menschen an diesem Tag geben, um die Welt so schön wie möglich zu machen. Aber ich glaube, man kann Gott nichts vormachen. Er sieht auch den Kummer. Er sieht die Einsamkeit vieler in diesen Zeiten, in denen man Abstand halten muss. Er sieht, wie einsam sich manche fühlen. Er sieht die Sorgen, die viele haben, weil sie nicht wissen, wie sie aus dieser Krise wieder herauskommen sollen.

Gott sieht das alles auch, glaube ich. Und deshalb ist es gut, wenn auch wir Menschen genau hinschauen. Sicher, für manche fühlt sich diese Zeit ein bisschen wie Urlaub an. Entschleunigt und weniger Stress. Aber es gibt so viele, die Hilfe brauchen. Gerade an so schönen Tagen wie heute sollten wir deshalb fragen: Wem können wir wie helfen? Damit die Menschen merken, dass Gott wirklich mitten unter uns ist und keinen übersieht.

Es gab eine Zeit, da war Gott sichtbar unter seinen Menschen. Persönlich sozusagen. Damals als Jesus unterwegs war. Von ihm hat Gott gesagt: „Dies ist mein lieber Sohn!“. Und Jesus hat das bestätigt: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“

Sein Gefolge waren die Jünger und Jüngerinnen, die mit ihm durchs Land gezogen sind. Dieses Gefolge war sicher nicht so prächtig, wie es normalerweise die Fronleichnamsprozessionen sind. Aber beeindruckend und Aufsehen erregend war es anscheinend trotzdem.

Jesus hat gezeigt, wie Gott ist. Aber ganz anders, als die Menschen sich das vorgestellt haben. Nicht himmelhoch und allmächtig, sondern ganz nah bei den Menschen. Einer von ihnen eben. So konnte er auf seinem Weg die Welt sehen, wie sie ist: Nicht immer aufgeräumt und mit Blumen geschmückt, sondern oft auch sehr alltäglich, mit Kummer und Sorgen und Leid.

Jesus hat gesehen, was los war mit den Menschen. Und er hat Wege gefunden, ihnen zu helfen. Ein Fischer namens Simon zum Beispiel, der ganz verzagt war, weil er nicht mehr genug fangen und deshalb nicht mehr genug verdienen konnte für seine Familie. Dem hat er geraten: Probier es anders. Probier etwas Neues. Auch wenn du zuerst meinst, so kann das nicht gehen. Versuch es! Und als Simon es versucht, da hat er einen großen Fang gemacht.

Oder die Frau, die ganz krumm geworden war im Laufe ihres Lebens. Wer weiß, welche Lasten sie getragen hatte. Jetzt war sie verzagt und mutlos und sah nur noch sich selbst und wie nutzlos sie war. So sehr war sie gebeugt. Keiner hat sich mehr um sie gekümmert. Aber Jesus hat sie gesehen. Und er hat sie angesprochen. Da konnte sie sich wieder aufrichten. Aufschauen. Dass Leben sehen, das noch vor ihr lag. Es gab noch Möglichkeiten, auch für sie.

Durch Jesus hat Gott sich den Menschen zugewendet – so, dass sie es sehen, hören und spüren konnten. Und Jesus hat seine Jüngerinnen und Jünger ausgeschickt, dass sie es genauso machen: dass sie sehen, wer Hilfe braucht. Dass sie den Menschen zuhören, ihre Sorgen begreifen. Und helfen, wo es möglich ist. Dass sie auch sehen, wo die Natur Hilfe braucht, damit sie schön bleiben kann.

Ich glaube, so ist Gott auch heute noch unterwegs. Mit und in allen, die aus seinem Geist leben. Man kann ihn allerdings nicht sehen. Aber wahrnehmen kann man ihn schon, wenn Menschen einander beistehen und einander das Leben leichter machen.

Gott ist unterwegs in seiner Welt. Auch heute. Gut, dass uns die Fronleichnamsprozessionen daran erinnern.

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